Syrien: kurdische Autonomieverwaltung fordert UN-Eingriff
ANF (Ajansa Nûçeyan a Firatê), Donnerstag, 22 Januar 2026.
Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES) hat in einem dringenden Schreiben an den UN-Sicherheitsrat vor einer weiteren Eskalation des Krieges in Nordostsyrien gewarnt. Anlass ist die Sitzung des Rates zur Lage in Syrien am heutigen Donnerstag. Trotz einer von Damaskus verkündeten Waffenruhe setzt die syrische Übergangsregierung ihre Angriffe auf Städte und Dörfer in Rojava fort.
In dem Schreiben, unterzeichnet von der Ko-Außenbeauftragten der DAANES Ilham Ehmed, heißt es, dass die Übergangsregierung unter dem selbsternannten syrischen Präsidenten Ahmed alScharaa weiterhin militärisch gegen die Region vorgeht, obwohl die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) die Waffenruhe akzeptiert haben. Die Selbstverwaltung betont, sie strebe ein sofortiges Ende aller Gewalt an, sei jedoch gezwungen, militärisch zu reagieren, um die Zivilbevölkerung zu schützen, solange die Angriffe anhalten.
Nur eine Seite greift an. Die DAANES warnt den Sicherheitsrat ausdrücklich davor, die aktuelle Eskalation als Konflikt „zwischen zwei Parteien“ darzustellen. Die Aggression gehe derzeit ausschließlich von der Regierung aus, heißt es. Appelle zur „gegenseitigen Deeskalation“ würden die Realität verzerren und den Aggressor entlasten. Der Beginn der Gewalt wird auf den 6. Januar datiert, als Regierungstruppen mit Panzern, Artillerie und Drohnen kurdische Wohnviertel in Aleppo angegriffen hatten. Dabei seien nach bisherigem Stand 107 Zivilist:innen getötet, 322 verletzt und rund 35 000 Menschen beständig vertrieben worden.
Auf Druck der USA haben sich die QSD daraufhin aus Aleppo und später auch aus Gebieten westlich des Euphrats, darunter Deir ezZor und Raqqa, zurückgezogen, heißt es weiter. „Diese weitreichenden Zugeständnisse haben die Angriffe jedoch nicht beendet“, betont Ehmed in dem Schreiben. Stattdessen rückten Regierungstruppen weiter nach Osten vor. Kobanê und Hesekê seien inzwischen faktisch belagert, in Kobanê seien Wasser- und Stromversorgung vollständig unterbrochen.
Islamistische Milizen und dokumentierte Kriegsverbrechen. Laut der DAANES werden die Angriffe nicht nur von regulären Regierungstruppen getragen. An ihrer Seite kämpften auch Reste von „Hayat Tahrir al-Sham“ (HTS), Milizen der von der Türkei aufgebauten und kontrollierten „Syrischen Nationalarmee“ (SNA) sowie dschihadistische Gruppen mit nachgewiesenen Verbindungen zu alQaida und dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Der Brief dokumentiert schwere Kriegsverbrechen (…). Besonders alarmierend sei die ideologische Rahmung der Offensive: Die Regierung bezeichne ihre Kampagne als „Anfal“ – eine bewusste Bezugnahme auf die genozidale Vernichtungsoffensive Saddam Husseins gegen die Kurd:innen im Irak 1988.
Keine demokratische Legitimation in Damaskus. Die Selbstverwaltung weist zudem die Darstellung zurück, sie blockiere eine Integration in den syrischen Staat. Tatsächlich habe man seit dem Sturz des früheren Machthabers Baschar al-Assad wiederholt Kooperation angeboten. Bereits im März 2025 hatte der QSD-Generalkommandant Mazlum Abdi ein Abkommen zur Integration in die syrische Armee unterzeichnet – inklusive konkreter Vorschläge, die von Regimechef alScharaa zunächst akzeptiert worden seien. Danach sei der Prozess jedoch einseitig abgebrochen worden. Zugleich stellt die DAANES die demokratische Legitimation der Übergangsregierung grundsätzlich infrage. AlScharaa sei nicht gewählt, das Parlament weitgehend ernannt worden. Wahlen hätten weder im Nordosten noch in einigen anderen Regionen stattgefunden. Eine im März 2025 verkündete „Verfassungserklärung“ habe nahezu unbegrenzte Macht beim Präsidenten konzentriert, demokratische Kontrolle ausgehebelt und die islamische Scharia zur alleinigen Gesetzesquelle erklärt.
Appell an die Vereinten Nationen. Die DAANES fordert den Sicherheitsrat auf, eine formale, von den Vereinten Nationen moderierte Verhandlungsplattform einzurichten – unter Beteiligung aller relevanten Akteure. Ziel müsse ein Waffenstillstand, die geregelte militärische Integration sowie eine neue, dezentrale Verfassungsordnung sein, die Minderheiten und Frauenrechte tatsächlich schützt. Syrien dürfe nicht erneut unter die Kontrolle eines einzelnen Machtzentrums gezwungen werden, heißt es. Dies sei „ein sicherer Weg in neue Bürgerkriege“. Die Selbstverwaltung ruft die Vereinten Nationen auf, aktiv Verantwortung zu übernehmen und den politischen Prozess zu führen. Ein klares Signal aus der Sitzung des Sicherheitsrates heute könne ein erster Schritt sein.
Nachtrag: Am 25. Januar wurde die Waffenruhe zwischen der syrischen Armee und den kurdischen Milizen um 14 Tage verlängert, das sei „durch internationale Vermittlung“ zustandegekomme