Kalenderblatt: 22. Juni 1981: Spanisches Parlament beschließt Scheidungsgesetz
Claus Seitz, San Sebastian, Eva Detscher, Karlsruhe
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Spanien erinnert sich der von Franco unterdrückten Frauen
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Ehe- und Scheidungsrecht vor 1981
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Buchempfehlung: Almudena Grandes, Der Feind meines Vaters, Carl Hanser Verlag, 2012
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Fünf Stunden mit Mario
Von Miguel Delibes (1920 – 2011)
Eva Detscher
Das Parlament eröffnete mit dem Gesetz das Recht auf Scheidung gegen den harten Widerstand der konservativsten und religiösesten Kreise rund um die Alianza Popular (Vorläufer der heutigen Partido Popular) und die Führung der katholischen Kirche. Ein Meilenstein in einem Land, in dem während der Franco-Diktatur noch jede Ehe vor dem Altar der katholischen Kirche besiegelt werden musste und nur nach kanonischem Recht beendet werden konnte. „Bis dass der Tod Euch scheidet!“ Francisco Ordoñez (UCD), damals zuständiger Justizminister: „Wir können nicht verhindern, dass Ehen zerbrechen, aber wir können sehr wohl das Leiden der zerbrochenen Ehen lindern.“
Die 1978 erlassene Verfassung hatte Religionsfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat und im Artikel 32.2 gleiche Rechte von Mann und Frau bezüglich Eheschließung, Rechte während der Ehe und Scheidung verankert. Ein großer Fortschritt für Spanien, in dem sich der Staat über Jahrhunderte als weltlicher Arm der katholischen Kirche verstand und Nulltoleranz gegenüber anderen Religionen praktizierte. Noch am 19.3.77 kam die Reportage „Zivil heiraten in Spanien“ in El País zum Ergebnis: „Die Zahl ziviler Ehen ist faktisch null“.
Das Gesetz sah noch starke Restriktionen vor: Der Scheidung musste ein Zeitraum juristischer Trennung vorausgehen (ein, zwei oder fünf Jahre). Der doppelte Prozess (Trennung, Scheidung), verlängerte den Zeitraum und trieb die Scheidungskosten hoch. Auch musste die Scheidung begründet werden, z.B. in Alkoholismus, Ehebruch, Verlassen der ehelichen Wohnung …
Bei der Ausarbeitung des Gesetzes von 1981 wurden die Vorschläge der Vereinigung getrennter und geschiedener Frauen unter dem Vorsitz von Ana María Pérez del Campo als Vertreterin eines Teils der Zivilgesellschaft aktiv angehört und berücksichtigt.1
Es sollte danach fast 25 Jahre dauern, bis am 8.7.2005 im sog. Scheidungs-Express-Gesetz unter Präsident Zapatero (PSOE) die vorhergehende Trennungszeit abgeschafft und Scheidung ohne Begründung ermöglicht wurde. Jeder Ehepartner konnte die Scheidung fordern, die Willenserklärung eines der Partner sollte ausreichen, die Ehe zu beenden. Voraussetzung ist seither nur noch eine Mindestdauer der Ehe von drei Monaten. Das gemeinsame Sorgerecht ohne notwendige Übereinkunft der Eltern wurde als mögliche Option eingeführt. Ein staatlicher Fonds für Leistungen an Kinder geschiedener Paare wurde eingerichtet. Seit 2005 können in Spanien auch gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen werden.
Ab dem 2.7.2015 ermöglicht eine Reform unter Rajoy (PP) die notarielle Scheidung bei beiderseitiger Zustimmung. Die Unterscheidung zwischen ehelichen und nichtehelichen Kindern wurde aufgehoben.
2021 lag der Anteil religiöser Ehen in Spanien nur noch bei 16,6% der abgeschlossenen 148 000 Ehen. 2023 wurden 16,5 % der Scheidungen vor dem Notar vollzogen.
Seit 2003 kennt Spanien auch die sog. „pareja de hecho“ (Lebenspartnerschaft), eine juristisch anerkannte geschlechtsunabhängige, stabile Partnerschaft zweier Personen mit und ohne Kinder, eine Art „Ehe light“, die unter geringen formalen Erfordernissen abgeschlossen und aufgehoben (einseitig) werden kann, den Partnern aber eheähnliche Rechte z.B. in Bezug auf Steuern, Erbschaft, Kinder, im Falle von Krankheit und Abhängigkeit eröffnet. 2023 wurden 36.300 Lebenspartnerschaften geschlossen (2016 noch 5.900).
Abb. (PDF): Divorcioneta – der Scheidungsbus. „Eine Ehe ist nicht frei, wenn die Scheidung nicht erschwinglich ist.“ Große Bekanntheit erreichte in Spanien nach 2015 eine neue Art juristischer Beratung durch in der Sache spezialisierte Anwälte: die divorcioneta, der Scheidungsbus. Ein Bus, der sich von Ort zu Ort bewegte und Express-Scheidungen bei beiderseitigem Einverständnis innerhalb von 24 Stunden zu Niedrigpreisen anbot: 150 Euro pro Ehepartner, 100 Euro (ohne Kinder), Preise von 2020. Der Bus hatte – wie von anderen ambulanten Händler gewohnt – auf dem Dach Lautsprecher angebracht.
1 Pérez del Campo und ihre Kollegin Mabel Pérez Serrano waren Protagonisten des Kampfs um das Recht auf Scheidung noch während der Diktatur. 1974 erreichten sie die die Genehmigung ihrer Organisation vor der Generaldirektion Sicherheit. In Ermangelung deutschsprachiger Quellen: Webseite der Vereinigung: www.separadasydivorciadas.org/ und ein Interview mit Pérez del Campo in El País: elpais.com/ccaa/2018/10/19/madrid/1539952093_219087.html
Spanien erinnert sich der von Franco unterdrückten Frauen
Nach und nach werden in Spanien Forschungsergebnisse zur Unterdrückung der Frauen während der Franco-Diktatur publiziert, Einzelschicksale beschrieben. Hier einige Beispiele anhand deutschsprachiger Zeitungstexte und Webseiten.
Frauen duldsam, gefügig und ungebildet halten, Elena Francis – Briefkastentante im Radio. – Buch: Armand Balsebre, Rosario Fontova, Las cartas de Elena Francis, una educación sentimental bajo el franquismo, Cátedra (Die Briefe von Elena Francis, sentimentale Erziehung in der Franco-Diktatur)
hpd.de/artikel/diktatur-und-kirche-brauchten-frauen-moeglichst-fuegsam-und-ungebildet-16103
Besserungsanstalten für junge Frauen, geraubte Babys – Ausstellung „Un altre fi. La Resta“ („Ein anderes Ende. Der Rest“) im Centre del Born, Barcelona
www.nd-aktuell.de/artikel/1172885.franquismus-weder-kirche-noch-vaterland-dissidentinnen-gegen-die-moral.html
Die vergessenen Künstlerinnen der 1927er-Generation – Buch: Tánia Balló„ Las sin sombreros“ („Die ohne Hut“)
taz.de/Frauen-in-Spaniens-Franco-Diktatur/!5392783/
Spanierinnen unter Franco – Die Rolle der Frau während des Franco-Regimes – Website. „Mujer y memoria“ (Frau und Erinnerung)
www.deutschlandfunk.de/spanierinnen-unter-franco-dem-manne-untertan-100.html
Eine sehr informative, deutschsprachige Quelle über die Repression von Frauen während der Franco-Diktatur, ist die Webseite baskultur.info:
Kahlgeschorene Frauen – Frauenspezifische Repressionsmaßnahmen
www.baskultur.info/geschichte/krieg36/527-franquismus-rizinus
Frauengefängnis Amorebieta
www.baskultur.info/geschichte/krieg36/536-frauen-gefaengnis
95 Frauen, die zwischen 1936 und 1948 vom Franco-Regime in Navarra ermordet wurden
baskultur.info/geschichte/krieg36/1153-franq-frauen
María Camino, In Navarra ermordete Lehrerin
www.baskultur.info/geschichte/krieg36/431-lehrerin-camino
Franquisten gegen Frauen
www.baskultur.info/geschichte/krieg36/445-franquismus-frauen2
Vergessene Frauen-Schicksale
www.baskultur.info/geschichte/krieg36/288-frauen-krieg36
Ehe- und Scheidungsrecht vor 1981
Felipe II, der wohl katholischste aller spanisch-katholischen Könige, verfügte am 12.7.1564, dass die kirchliche (katholische) Ehe, die einzig legitime sei. Mit Ausnahme zweier kurzer Perioden sollte die kirchliche Trauung für die Spanier bis 1981 faktisch die einzig mögliche bleiben.
1870 bis 1875 Zur Zeit der 1. Republik am 18.6.1870 wurde das „Provisorische Gesetz auf Zivilehe“ eingeführt, dem jedoch kein Erfolg beschieden war. Gesellschaftlich wurde an der kirchlichen Ehe festgehalten. Am 9.2.1875 nach der Rückkehr der Bourbonen-Dynastie wurde die Zivilehe nur noch als Ausnahme für nicht-katholische Paare zugelassen.
Die Jahre der 2. Republik (1931 bis 1939) waren Jahre großer Errungenschaften für die Frauen: Wahlrecht, Recht auf Bildung, Zivilehe, Recht auf Scheidung, Entkriminalisierung der Abtreibung, Teilnahme an der Arbeitswelt und an öffentlichen Aktivitäten. Im Art. 43 der Verfassung von 1931 hieß es: „Die Familie steht unter dem besonderen Schutz des Staates. Die Ehe beruht auf gleichen Rechten für beide Geschlechter und kann im gegenseitigen Einvernehmen oder auf Antrag eines der Ehegatten aufgelöst werden.“ Am 11. März 1932 wurde das Scheidungsgesetz verabschiedet. Die katholische Rechte predigte dagegen: „Die Scheidung ist ein Sprengsatz, der die Familie in die Luft jagen wird: Die Ehe ist eine Institution des Opfers, ein unvermeidbares Kreuz, ein heiligendes Sakrament.“
Franco-Diktatur:
Nach dem erfolgreichen Militärputsch wurde die Gesetzgebung zu Zivilehe, Recht auf Scheidung im Oktober 1939 wieder vollständig aufgehoben. Während der 2. Republik geschlossene Zivilehen wurden als nichtig betrachtet. Viele Paare, die sich während der Zweiten Republik geschieden hatten, heirateten wieder.
Die Auflösung der Ehe war nur möglich durch den Tod eines der Ehegatten, oder in dem sie von Kirchengerichten annulliert wurde, eine Möglichkeit die faktisch den franquistischen Eliten vorbehalten war. Ausnahmen waren möglich für Paare, die einer anderen Religion angehörten oder im Fall der Lossagung von der Religion. Sich mittels Kirchenaustritts zum Atheisten zu erklären, kam einer Identifizierung als antisoziales Element, Kommunist oder Freidenker gleich, so dass Zivilehen faktisch nicht existierten. Paare, die nicht verheiratet waren, wurden von der Gesellschaft und der Kirche missbilligt, da sie in Sünde lebten.
Am 24.1.1941 wurde die Abtreibung und jede Art von Propaganda für Empfängnisverhütung verboten.
1942 wurde der Ehebruch als Strafdelikt wieder eingeführt. Ehebruch beging die Ehefrau generell, wenn sie mit einem Mann schlief, der nicht ihr Ehemann war. Für den Ehemann traf dies nur zu, wenn er ihn am ehelichen Wohnsitz beging oder notorisch öffentlich bekannt.
1944 wurde der Gattenmord (Ehrenmord) als Strafdelikt (bis 1961) definiert. Ein Mann, der seine beim Ehebruch überraschte Ehefrau ermordete, wurde nur von seinem Wohnort verbannt und im Falle nur leichter Verletzungen völlig strafverschont.
Die Freiheit der Frauen wurde während der 40 Jahre Franco-Diktatur rechtlich an die Wünsche des Mannes gebunden. Die licencia marital, die bis zum 2. Mai 1975 galt, verbot der Frau den Zugang zu einer Beschäftigung ohne die gesetzliche Erlaubnis ihres Mannes. Um einen Pass zu erhalten, um ins Ausland reisen zu können, musste die Ableistung des Sozialen Dienstes, eine Art Frauenmiliz, geleitet von der Frauensektion der Falange, nachgewiesen werden. Jährlich durchliefen etwa 200 000 Frauen den sozialen Dienst. Die verheiratete Frau benötigte die Erlaubnis ihres Mannes. Bei Heirat mit einem Ausländer verlor die spanische Frau automatisch die spanische Staatsbürgerschaft (bis 1954).
Abb. (PDF): „Spaziergang der Schande“. Nach ihrem militärischen Sieg im Baskenland führten die neuen faschistischen Machthaber eine bis dahin ungekannte Strafe ein, die ausschließlich gegen das weibliche Geschlecht angewandt wurde. Frauen und Mädchen wurden öffentlich erniedrigt, indem sie mit kahl geschorenen Köpfen durch die Straßen getrieben und der Lächerlichkeit ausgesetzt wurden. Diese und andere geschlechtsspezifische Strafen wurde während des Krieges und in der Nachkriegszeit zu einer politischen Waffe im gesamten Staat.
Bild: briega.org – Contrainformación en Cantabria
Buchempfehlung: Almudena Grandes, Der Feind meines Vaters, Carl Hanser Verlag, 2012
Grandes erzählt in ihrem Buch „Der Feind meines Vaters“ über die Jahre, in der der Keim für die Wut der Frauen gelegt wurde, die heute auf die Straße gehen. Die Angst vieler Spanier, nicht das Kind der Eltern zu sein, bei denen sie groß wurden, der Schock von „Adoptiveltern“, von denen viele nicht wussten, dass die Eltern des Kindes, das sie adoptierten, noch lebten. www.deutschlandfunk.de/die-geraubten-kinder-spaniens-100.html
Fünf Stunden mit Mario
Von Miguel Delibes (1920 – 2011)
Eva Detscher, Karlsruhe. Der 1966 erschienene Roman „Cinco horas con Mario“ ist ein Monolog von Carmen, die fünf Stunden lang mit ihrem toten Ehemann (Mario) spricht. Sie sagt ihm all die Dinge, die sie über ihn dachte, ihm aber zu Lebzeiten nie gesagt hat. Ein Kontrapunkt des Buches ist, dass sie konservativer ist als ihr Mann. Sie wirft ihm vor, anstatt gutes Geld mit Liebesromanen zu verdienen, die politischen „Träumer“ mit seinen brotlosen Schriften zu unterstützen; und dass er mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt – nicht standesgemäß; und dass sie im Gegensatz zu anderen Ehefrauen kurz und lieblos gehalten wird; und sagt, dass sie Ehebruch begangen hat. Wie auch immer, Scheidung lag außerhalb der Vorstellung und auch der schieren Möglichkeit. „In den sechziger Jahren wollte das Franco-Regime“ – so die Einschätzung einer spanischen Gesprächspartnerin – „einen liberaleren Anschein erwecken, auch wenn es sich auf allen Ebenen eindeutig um ein Diktaturregime handelte.“ Der Roman bringt das Künststück fertig, trotz Zensur einen lebendigen Einblick in jene Zeit zu vermitteln. Delibes selbst: „In den Zeitungen konnte man nur sehr wenige Dinge offen sagen. An ihre Stelle trat der Roman. Er übernahm die Aufgabe, die Probleme und Ungerechtigkeiten dieses Landes zu benennen.“
www.deutschlandfunk.de/100-geburtstag-von-miguel-delibes-chronist-des-lebens-in-100.html
Anmerkung.: Die Zeitung El Mundo führt den Roman in seiner Liste der „hundert besten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts“. www.actualidadliteratura.com/de/fünf-stunden-mit-mario