Politische Berichte Nr.06/2024 (PDF)20b
Gewerkschaften/Soziale Bewegung

dok metall-Interview mit Daniela Cavallo, Gesamtbetriebsratsvorsitzende VW

„Fokus auf Personalkosten ist falsch“

Daniela, der Vorstand hat Eure Beschäftigungs-sicherung nach 30 Jahren gekündigt und will Standorte schließen …

Mit der Kündigung der Beschäftigungs-sicherung hat der VW-Vorstand auch den Weg verlassen, Konflikte bei uns kooperativ anzugehen … Um es auf den Punkt zu bringen: Mit mir und der IG Metall wird es keine VW-Standortschließungen geben …

Was hat der Vorstand verbockt?

So einiges. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Er hat das Thema Hybride völlig falsch eingeschätzt. Er hielt Hybride für eine Nische, die rasch überholt wäre. Jetzt ist das Gegenteil der Fall und VW steht weitgehend blank da. Dann saßen die ersten Fahrzeuge aus der ID-Reihe nicht, sie steckten voller Kinderkrankheiten und das Design, vor allem innen, war VW nicht würdig. Es musste mühsam und teuer nachgebessert werden. Das ist zwar gelungen, aber auf Kosten der Gewinnkraft. Und dann fehlen uns günstige Elektromodelle.

Was folgt daraus?

Na, die Folge ist die Krise, in der wir jetzt stecken. Es ist eine finanzielle Durststrecke entstanden, die noch länger anhalten wird. Und da retten uns dann auch unsere neuen Verbrenner wie Tiguan, Passat und der aufgewertete Golf nicht. Die laufen zwar super, müssen die Probleme aber quersubventionieren. Am Ende fehlt dann das Geld für unsere Zukunftsinvestitionen.

Der Vorstand denkt, wenn er an den Personalkosten spart, kann er die finanzielle Krise überwinden.

Das ist Quatsch und die falsche Strategie. Der Vorstand will eine finanzielle Lücke von vielen Milliarden Euro schließen. Da sind die Arbeitskosten nur ein Bruchteil davon. Klar ist doch: Die Fantasie, Werke von der VW-Landkarte zu streichen und Tarifeinschnitte vorzunehmen, ändert gar nichts an den eigentlichen Defiziten. Die Frage ist: Wie kommen wir für die Zukunft wieder in die Rolle der Technologieführerschaft?

Und wie kommt dann VW wieder aus der Krise?

Wir müssen kurzfristig an die wirklich bedeutenden Hebel ran: Unsere Prozesse müssen endlich mutiger und schneller werden. Das gilt sowohl für die Verwaltung als auch für den Produktentstehungsprozess. Alles, was am Ende weder relevant für unsere Kundschaft ist noch kaufentscheidend, muss überdacht werden. Unsere Komplexität muss runter, unsere Regelwut, unser Dokumentationsirrsinn und die vielen, vielen doppelten und dreifachen Prozesse zur Absicherung. Und das ist alles Führungsaufgabe ….

Dokumentiert aus metall 11/12 2024