Politische Berichte Nr.03/2025 (PDF)26b
Demokratie verteidigen

Ende der Zeitzeugenschaft?

Olaf Argens, Schmitten/Hessen. Im Historischen Museum Frankfurt (Main) war in den vergangenen Monaten die Wanderausstellung „Ende der Zeitzeugenschaft – Über den Umgang mit Zeugnissen von Überlebenden der NS- Verfolgung“ zu sehen. Die dort aufgeworfenen Fragen werden durch einen weiterführenden Katalog ergänzt. (1) Dabei geht es unter anderem um die Gemachtheit von Erinnerung, die gesellschaftlichen Kontexte, zeitbedingte Färbungen, persönliche Motive, blinde Flecken, durch Erklärungen des Faschismus beeinflusste Interpretationen und politische Ansprüche.

Das Jüdische Museum Hohenems (Vorarlberg) und die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg hatten 2018 damit begonnen, den Fragen nachzugehen, die mit dem „Ende der Zeitzeugenschaft“ und der medialen Weitergabe von Erinnerung verbunden sind. Wie in anderen Institutionen auch sind umfangreiche Bestände an Videointerviews vorhanden; Dokumente, die mit einer ganz unterschiedlichen Geschichte von Nationalsozialismus und Holocaust, von Krieg und Nachkrieg verknüpft sind; Überlebens-Dokumente, die zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Umständen gesammelt und die zu einem großen Teil in Archiven verwahrt wurden.

Das Projekt mündete in eine Wanderausstellung, die nach Präsentationen in Hohenems und Flossenbürg inzwischen in München, in Augsburg, in Berlin, in Wien, in Regensburg und in Frankfurt am Main gezeigt wurde. Das Dokumentationszentrum Nationalsozialismus in Freiburg soll folgen.

Die Ausstellung wurde an den jeweiligen Orten um eigene Projekte erweitert und ergänzt. Das Jüdische Museum Hohenems präsentiert Videointerviews mit Überlebenden des Holocaust, mit Fluchthelfer*innen, Geflüchteten und ihren Nachkommen. Dabei wird der Zusammenhang von Verantwortung und Verantwortlichkeit gegenüber dem Material, aber auch gegenüber den Erzählenden, ihrem historischem Vermächtnis und ihren Nachkommen hinterfragt. Inwieweit ist es zulässig, in das Material einzugreifen oder so zuzuschneiden, dass Zusammenhänge verloren gehen oder das Gesagte eine neue Aufladung erfährt? Steht der Institution eine eigene Deutungshoheit zu? Was passiert, wenn die Erzählenden das Gesagte nicht mehr korrigieren, richtigstellen oder anders einordnen können? Dem Besucher soll in der Ausstellung transparent gemacht werden, wie sich das Material im Kontext des institutionellen Einsatzes verändern kann.

In Flossenbürg wurde ein Dokumentarfilm vorgeführt, der sich mit der Herstellung eines Hologramms als interaktive Biografie mit der Holocaust-Überlebenden Eva Schloss befasst. Die Hologramme simulieren virtuelle Dialoge mit Zeitzeugen*innen. In Augsburg wurden vor allem Erinnerungen der zweiten Generation in den Fokus gestellt. Die traumatischen Erlebnisse der Überlebenden haben tiefe Spuren in den Biografien der Kinder hinterlassen. In Berlin kamen diverse jüdische Stimmen zu Wort, die durch die Unterschiedlichkeit der Herkunft und die Einwanderungsgeschichte der Stadt geprägt sind.

Die Frankfurter Ausstellung befasst sich u.a. mit der technischen Fragestellung, wie der gespeicherte Inhalt so konserviert und aufbereitet werden kann, dass auch zukünftige Generationen die Berichte sehen und hören können. Außerdem wird untersucht, was passieren muss, damit der Gesprächsfaden zwischen den Generationen nicht abreißt. Dabei wird Bezug genommen auf das Konzept des „moralischen Zeugen“ des israelischen Philosophen Avishai Margalit. Dieser legt Zeugnis für den Ermordeten ab, weil er es nicht selbst tun kann. Er nimmt die Botschaft auf und bearbeitet sie nachträglich mit Formen politischer Verantwortung und Erinnerungskultur.

(1) Ende der Zeitzeugenschaft – Über den Umgang mit Zeugnissen von Überlebenden der NS- Verfolgung, Wallstein Verlag, ISBN 978-3-8353-5589-7