Politische Berichte Nr.03/2025 (PDF)27a
Demokratie verteidigen

Demmin und der 8. Mai

Christiane Schneider, Hamburg.

Seit 2006 führen Neonazis aus Vorpommern in dem kleinen Ort Demmin am 8. Mai einen „Trauermarsch“ durch. Organisiert von der „Heimat“, nehmen sie ein traumatisches Ereignis zum Anlass, den Tag der Befreiung vom Faschismus umzudeuten zu einem Tag der „Trauer“ über seine Niederlage und zur Rechtfertigung des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. In diesem Jahr verhinderten über 2000 Menschen, die aus ganz Mecklenburg-Vorpommern und mit 26 Bussen auch aus Berlin, Hamburg, Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz angereist waren, mit mehreren friedlichen Blockaden, dass die rund 230 Neonazis wie gewohnt durch die Stadt marschieren, am Hafen eine Kundgebung abhalten und einen Kranz ins Wasser werfen konnten.

Der Hintergrund: Am 30. April 1945 zog sich die Wehrmacht vor der anrückenden Roten Armee aus dem von drei Flüssen umringen Demmin zurück, mit ihr Bürgermeister, Landrat, Polizei, NSDAP-Funktionäre. Sie sprengte alle Brücken, so dass die 15 000 Einwohner sowie Tausende Flüchtlinge den Ort nicht verlassen konnten. Auch die Rote Armee, die bis Demmin vorgedrungen war und in Verfolgung der Wehrmacht gleich hatte weiterziehen wollen, blieb stecken. Nachdem einige Soldaten von Bewohnern aus dem Hinterhalt beschossen oder in tödliche Fallen gelockt worden waren, begannen sie zu plündern, Frauen jeden Alters zu vergewaltigen und Häuser in Brand zu setzen – das tagelange Feuer zerstörte zwei Drittel der Stadt.

Schon vorher war angesichts des Vorrückens der Roten Armee und der sicheren Niederlage Deutschlands wie überall in Pommern auch in Demmin Panik hochgestiegen. Nun verbreitete sie sich rasant und führte binnen weniger Tag zum größten bekannten Massensuizid in der Geschichte Deutschlands: Hunderte Frauen ertränkten sich und ihre Kinder oder versuchten, sich und ihre Kinder mit Rasierklingen zu töten. Insgesamt geht man von mindestens 700, eher von 1000 oder mehr Toten aus. Noch nach Monaten wurden Leichen an Land gespült.

Das entfesselte Vorgehen der sowjetischen Soldaten, durch Angst und Wut gesteuert, erklärt das Ausmaß der Panik allein nicht. Schon vorher hatten militärische Niederlagen der Wehrmacht unter deutschen Soldaten und der Zivilbevölkerung zu Wellen von Suiziden geführt. Der Historiker Florian Huber sieht in der „Selbstmordepidemie“ der letzten Kriegstage „eine Antwort auf den emotionalen Untergang“, der den Zusammenbruch des Faschismus begleitete. Gegen Ende des Krieges gab es, so hieß es in einer Sendung des Deutschlandfunks vom 19.4.2015, „in Zeitungen, Rundfunk und öffentlichen Verlautbarungen eine regelrechte Werbung für den Selbstmord. Es wäre zweifellos am besten, sagte ein Sprecher des Propagandaministeriums, wenn die vorrückenden Feinde nur noch tote Deutsche vorfänden. (…) Jahrelang hatten die Deutschen anderen den Tod gebracht. Angesichts ihrer Niederlage richtete sich die Gewalt nun gegen das eigene Leben und das ihrer Kinder. Sicher aus Angst, Verzweiflung und der Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Vermutlich aus innerer Leere nach dem Rausch und der erkalteten Liebe zum Führer.“

In der Provinz Pommern hatte die Zustimmung zur NSDAP bei der Wahl am 5.3.1933 mit 56,3% deutlich über dem Reichsdurchschnitt gelegen, auch in Demmin. Nach der Niederlage konnte über den Massensuizid jahrzehntelang nicht gesprochen, das Trauma nicht verarbeitet werden. Der Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“ (2017) ermöglichte vielen Menschen erstmals, offen über die Ereignisse zu sprechen und sich mit dem Geschehen auseinanderzusetzen.

https://www.bpb.de/mediathek/video/290178/ueber-leben-in-demmin/

Abb. (PDF): Da der rechte Trauermarsch am Abend stattfinden sollte, trafen die meisten Teilnehmer der antifaschistischen Gegendemonstration erst im Laufe des späteren Nachmittags ein. Ab 14 Uhr hatte das Aktionsbündnis mitten in Demmin ein Friedensfest mit einem abwechslungsreichen Programm und verschiedenen Ständen organisiert. Für unsere kleine Gruppe von Hamburger Linken ergab sich dabei die Möglichkeit, Kontakte zur Demminer Linken zu knüpfen. Bild: Christiane Schneider