Lesenswert: Michael Moos blickt zurück, sachlich und engagiert. Buchrezension von Michael Moos „Und nichts mehr wurde, wie es war“
Michael Friedrichs, Augsburg. Ein bisschen sind Familiengeschichte und Autobiografie ja immer auch Gesellschaftsgeschichte. Aber selten trifft das so zu wie bei diesem Buch, in dem der Freiburger Anwalt Michael Moos die sorgfältig recherchierte Geschichte seiner Familie bis zur, in und nach der NS-Zeit darstellt. Ich kenne den Verfasser aus gemeinsamen Konferenzen des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), das ist aber mehr als 40 Jahre her, seitdem hatten wir keinen Kontakt. Damals hat er – damals hat man nicht darüber gesprochen, dass er einer jüdischen Familie entstammt. 1947 in Tel Aviv geboren und 1953 aus der optimistischen Fehleinschätzung seines Vaters heraus, das Nachkriegsdeutschland werde antifaschistisch sein, mit sechs Jahren nach Ulm eingewandert, war er zwar jung genug, um sich rasch schwäbisch zu assimilieren, aber das als notwendig empfundene Verschweigen eigenen Andersseins (ein Stichwort ist die Beschneidung) und mit wachsendem Bewusstsein das besser nicht mitzuteilende Wissen um seine ermordeten Familienmitglieder belasteten ihn für Jahrzehnte.
Das reich illustrierte Buch mit 160 Seiten hat vier große Kapitel: Das Leben der Eltern in Tel Aviv und ihre frühe Rückkehr nach Ulm; die Wurzeln der jüdischen Familie teils in Augsburg und Bayern, teils im schwäbischen Landjudentum; das eigene Leben 1953-66 in Ulm sowie Freiburg 1967 bis heute: Anwaltstätigkeit, politisches Engagement und Familiengründung.
Aus der Familiengeschichte ragt heraus Isaak Herzfelder, den das Augsburger Adressbuch 1898 als „k. Advokat und Rechtsanwalt“ aufführt. Herzfelder schrieb sozial engagierte Gedichte, dazu literarische Übersetzungen und ein Buch über „Goethe in der Schweiz“. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof in Augsburg ist erhalten.
Im Kapitel über die Jugendzeit in Ulm und das Studium in Freiburg lässt Moos schmerzhafte Erfahrungen nicht aus – die psychische Erkrankung seiner Mutter, die jahrzehntelangen Kämpfe um „Wiedergutmachung“, eine Entfremdung der Eltern, Antisemitismus im Alltag, unbehelligte Nazi-Täter (z. B. der Rechtsanwalt in Ulm, der ein Teilnehmer der Wannsee-Konferenz war). Das politische Engagement des Vaters prägt auch den Sohn – der sich dann unter dem Eindruck der Studentenbewegung zeitweise kommunistisch engagiert, was zu lebhaften Debatten mit dem Vater führt.
Michael Moos spart auch seine Zeit im KBW ab 1973 nicht aus, schildert die Motivation einiger Kampagnen und dass „die Parteilinie immer rigider wurde“ (S. 114). Seine Absetzung als Ortssekretär 1975 durch den extra angereisten Joscha Schmierer (begründet mit dem damals schwerwiegenden Vorwurf des „Rechtsopportunismus“) empfand er als demütigend und ungerechtfertigt. Er blieb aber politisch aktiv, gerade auch weil deutlich wurde: „tatsächlich gingen die wesentlichen Veränderungen von gesellschaftlichen Bewegungen aus: Ich hatte es selbst 1968 miterlebt, dann die Häuserkampfbewegung, die Anti-AKW-Bewegung, die Frauenbewegung, der Kampf gegen Rassismus, gegen die Rechtsentwicklung und gegen Diskriminierung jeder Art: All das wurde nicht von Parteien angestoßen“ (S. 115) Er kandidiert für den Gemeinderat und ist dort über 20 Jahre tätig.
Als Anwalt hat Michael Moos viele politische Prozesse geführt, und es hat lange gedauert, bis er durchsetzen konnte, Akteneinsicht in die eigene jahrzehntelange Überwachung (1978–2007) durch den Verfassungsschutz zu bekommen (die nie auch nur zu einer Anklage geführt hatte, nur zu vielen Akten, die ihm großenteils geschwärzt ausgehändigt wurden.)
Selten ist ein so persönliches Buch so klar strukturiert, so gut belegt, zugleich sachlich und engagiert im Ton geschrieben. Dazu reich mit Fotos und Dokumenten ausgestattet, die Michael Moos offenbar zum größten Teil der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg Ulm oder dem Archiv Soziale Bewegungen Freiburg überlassen hat. Das eigene Leben als Gesellschaftsgeschichte. Erfreut nutzt man auch das Personen- und Ortsregister. Kein Wunder, dass die erste Auflage schon nach wenigen Wochen vergriffen, die zweite bald lieferbar war.
Zahlreiche Buchvorstellungen in Baden-Württemberg in nächster Zeit geben Gelegenheit, den Autor auch persönlich zu treffen:
• Haus 37, Freiburg/Vauban, 24.10.2025, 20 Uhr; • Gedenkort Hotel Silber, Stuttgart, 29.10.2025, 19 Uhr; • Gedenkstätte Leonberg, 2.11.2025, 19 Uhr.
Abb. (PDF): Foto: Michael Moos mit Megafon bei einer Demo am 1. August 1968 in Freiburg. Foto auf Seite 107 im Buch: „Und nichts mehr wurde, wie es war“.
Abb. (PDF): Cover „Michael Moos: Und nichts mehr wurde, wie es war“, Klemm & Oelschläger Verlag, 2025, Schriftenreihe des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm 9, ISBN 978-3-86281-193-9; 19,80 €.
Abb. (PDF): DZDOK Ulm