Politische Berichte Nr.05/2025 (PDF)32
Solidarisches Europa

Bezahlbarer Wohnraum – realisierte Projekte mit Unterstützung durch EU-Mittel

Michael Juretzek, Bremen. So existenziell zum Leben, so dominant schlägt der Posten Wohnen im Reproduktionshaushalt zu Buche. Besonders in den unteren Einkommensschichten, bei jungen Familien und Menschen in Ausbildung verschlingen die Wohnkosten 50% der finanziellen Mittel. Können die Kosten nicht aufgebracht werden, droht der wohl brutalste Armutsstatus – Obdachlosigkeit. Anfang 2024 lagen die EU-weiten Baugenehmigungen um 32% niedriger als zwei Jahre zuvor und bildeten damit den niedrigsten Wert der letzten neun Jahre. „Europa steht an einem Wendepunkt“ schreibt der europäische Dachverband Housing Europe auf seiner Homepage. „Die weltweite Gesundheitspandemie und die Invasion in der Ukraine haben eine Energie- und Lebenshaltungskostenkrise ausgelöst und die Herausforderungen in Bezug auf die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum, Obdachlosigkeit, steigende Baukosten und Energiearmut verschärft. Diese Krisen haben seit langem bestehende Probleme verschärft, so dass ein Neustart unumgänglich ist.“

Housing Europe, mit Sitz in Brüssel, ist ein Zusammenschluss von 44 Verbänden zur Förderung und Betreuung von öffentlichen, kooperativen und Sozialwohnungen in 31 Ländern. Durch ein Netzwerk von über 43 000 regionalen und lokalen Wohnungsunternehmen hat er Kontakt zur Wohnsituation von 25 Millioen Privathaushalten. (1)

In der im Mai erschienen Veröffentlichung berichtet Housing Europe über umgesetzte Projekte von öffentlichen, genossenschaftlichen und sozialen Wohnungsträgern in Mitgliedsländer der EU. Alle Beispiele wurden kofinanziert durch das EU-Programm Aufbau- und Resilienzfazilität. Dieser Fonds, ausgestattet mit 648 Milliarden Euro für den Zeitraum 2020 bis 2026, bildet laut EU-Kommission das „Kernstück“ der Next-Generation-EU-Initiative. Die bis Ende 2024 aus diesem Fonds bereitgestellten Finanzmittel von 53 Milliarden Euro werden vom Dachverband zwar als „bescheidener Betrag“ im Verhältnis zum Investitionsbedarf von 342 Milliarden Euro bis 2026 bewertet, „stellen jedoch eine wichtige Finanzierungsquelle für den Sektor dar“. Die Projektbeispiele sollen zeigen, „was mit Unterstützung von EU-Mitteln möglich ist“. Die genauen Beträge der EU-Unterstützungsmittel zu den einzelnen Projekten sind dem Bericht zu entnehmen.

SLOWENIEN. Der Wohnungsbaufonds der Republik hat im Rahmen von sechs Projekten 25269 neue öffentliche Mietwohnungen errichtet. In Maribor entstand ein Wohnviertel mit 370 Wohneinheiten in Niedrigstenergiegebäuden. Mit Spielplätzen und 60 speziellen Service-Apartments wurde es für junge Familien, Senioren und Menschen mit eingeschränkter Mobilität konzipiert.

PORTUGAL. Unter anderem die Umwidmung von lokalem Wohnraum in Ferienunterkünfte für Touristen hat in Lissabon, Porto und Urlaubsgebieten zu Wohnungsnot und Obdachlosigkeit geführt. 2023 verabschiedete die Regierung das Wohnungsbaugesetz „Mais Habitacio“, dass den Bau von 20 000 Sozialwohnungen vorsieht. Mit einer Milliarde Euro aus dem fünf Milliarden Euro umfassenden Anteil des EU-Aufbau- und Resilienz-Fonds gegen Obdachlosigkeit und für Housing First werden gezielt Wohnungen, Notunterkünfte und sozial betreute Übergangslösungen finanziert, die zur Wiedereingliederung und Teilhabe Wohnungsloser genutzt werden. Eine neu eingerichtete nationale Wohnungsbörse bietet Lösungen für Wohnungssuchende und Studierende an.

SPANIEN. Das Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung führt fünf Programme zum Neubau von 183 000 Wohnungen zu Sozial- und erschwinglichen Mieten durch. Davon 123 000 mit Hilfe des EU-Aufbau- und Resilienzplans. Die Verzahnung von Zentralregierung, autonomen Gemeinschaften, Städten und lokalen Gebietskörperschaften ist dabei unerlässlich, bemekt der Bericht. „Der Plan VIVE Andalusien 2020–2030 ist ein gutes Beispiel dafür, wie EU-Mittel aus der Aufbau- und Resilienzfazilität an eine Region (d.h. eine Autonome Gemeinschaft) verteilt wurden, um diese nationalen Ziele zu erreichen.“

Der VIVE-Plan sieht insgesamt über 217 000 Maßnahmen im Wohnungsbau und zu erschwinglichen Mieten vor. Dazu gehören neben dem Bau öffentlich geförderter Wohnungen Mietbeihilfen für Familien mit begrenztem Einkommen, Direktbeihilfen für Jugendliche, unter anderem gegen die Wohnungsnot unter Auszubildenden und Studenten, zinsgünstige Kredite und Direktbeihilfen zum Eigenheimkauf für junge Familien und Unterstützung bei der Sanierung.

BELGIEN. Durch zinsgünstige Darlehen und niedrige Tilgungsraten wurde Anbietern von Sozialwohnungen in Flandern die Sanierung von 4296 Wohnungen ermöglicht. Durch energetisch optimierte Fenster, Dach- und Wandisolierung und moderne Lüftungs- und Heizungssysteme verringern sich die Mietnebenkosten und wirken der Energiearmut entgegen.

GRIECHENLAND. Ein Pilotprogramm für sozialen Wohnungsbau zielt auf die Bereitstellung von 100 Wohneinheiten.

In Athen erhalten private Hauseigentümer von leerstehenden Immobilien direkte Zuschüsse, wenn sie nach erfolgter Renovierung unbefristete Verträge mit bezahlbaren Mieten anbieten. In Thessaloniki entstanden durch eine Agentur für soziale Vermietung Wohnungen auf unbebauten öffentlichen Grundstücken, die für acht Jahre zu erschwinglichen Mieten bereit gestellt werden.

ITALIEN. Wie auch mit geringen Beträgen wichtige nachahmenswerte Pilotprojekte realisiert werden können, zeigt der Umbau eines Gebäudes in der Gemeinde Fabbrico. Mit Gesamtinvestitionen von 179 000 Euro wurden drei behindertengerechte Einheiten zum autonomen Wohnen geschaffen. In enger Zusammenarbeit mit den zukünftigen Bewohnern wurde die Haustechnik auf ferngesteuerte Beleuchtung, strategisch platzierte Notruftasten, Kommunikationssysteme mit Krankenhäusern und bedienungsfreundliche Elektro- und Telefonsysteme umgebaut.

Quellen: 1. www.housingeurope.eu/wp-content/uploads/2025/06/report_implementation-of-the-recovery-and-resilience-facility_challenges-and-success-factors-of-public-cooperative-and-social-housing-providers_digital.pdf

Abb. (PDF): Siedlungsprojekt Slowenien

Abb. (PDF): Behindertengerechtes Wohnen Spanien