Klimaschutz durch Sabotage?
Martin Fochler, München. Der Klimaschutz ist in der Rangordnung der politischen Aufgaben zurückgefallen. Während immer häufiger von Naturkatastrophen berichtet werden muss, bestreiten autoritäre Bewegungen und Regierungen das Phänomen. Viele Menschen, die sich in das Thema eingearbeitet haben und sogar ihre persönliche Lebensführung danach ausrichten, verzweifeln. Aktionen wie Straßenblocklade sollten das Publikum mobilisieren. Der Erfolg blieb aus. Nun die Sabotageaktion, die mehrere Zehntausend Berliner Haushalte, Familien und Gewerbe für mehrere Tage vom Stromnetz trennte. Sie erzielte Aufmerksamkeit genug, aber nicht für den Klimaschutz. Verdeutlicht wurde die enorme Abhängigkeit der Lebensführung vom Funktionieren der Infrastruktur sowie die Verletzlichkeit dieser Einrichtungen.
Alle Welt spricht über Werkschutz, Polizei, Nachrichtendienste. Der Fokus der Meinungsbildung verschob sich von „Klimaschutz“ auf „Schutz vor Klimaschützern“. Die Ablehnung der Sabotageaktion war breit, sie reichte bis weit hinein ins Geflecht der Aktionsgruppen, die sich unter der Sammelbezeichnung „Vulkangruppen“ definieren. Hauptargument war die Rücksichtslosigkeit gegenüber der betroffenen Bevölkerung. Im Hintergrund brodelt aber noch ein weiteres Problem.
Am Startpunkt verändernder Politik stehen regelmäßig Einzelmeinungen, die unter persönlichem Einsatz vorgetragen werden. Im Prozess der politischen Willensbildung spielen die „zündende Idee“, die „begeisternde Rede“ das „persönliche Engagement“, „die Zivilcourage“, „der zivile Ungehorsam“ und nicht zuletzt die selbstbewusste Demonstration einer Minderheitsmeinung ihre unverzichtbare Rolle.
Aber: In diesem Stadium ist der politische Kampf für Klimaschutz nicht mehr. Das Problem ist bekannt. Mittel sind benannt. Im Raum stehen andere Diskussionen.
Naturwissenschaftlich: Ist das Phänomen richtig verstanden? Dazu braucht es fortwährende Beobachtung und kritische Würdigung der Daten.
Technisch/industriell: Was wären wirksame Gegenmittel? Wer finanziert die Transformation?
Politisch: Welche Rahmenbedingungen müssen lokal und global entwickelt und erprobt werden?
Auf diesen Felder besteht die Möglichkeit, von besten Absichten geleitet dramatische Fehler zu machen.
Es geht nicht mehr darum, Aufmerksamkeit für eine Gefahr zu wecken, die erwachte Aufmerksamkeit richtet sich unvermeidlich auf die Wirksamkeit der empfohlenen Gegenmittel. Da gibt es viele Fortschritte und Rückschläge, Wegweisendes und Irrungen. Die Transformation der Wirtschaft auf die Tagesordnung zu setzen ist eine Sache der Willensbildung. Aber jetzt geht es um wissenschaftliche Impulse, funktionierende Techniken und förderliche Rahmenbedingungen. Die Devise heißt: Zeigen, was geht! Und auch: Zugeben, wenn etwas nicht funktioniert.