Politische Berichte Nr.03/2024 (PDF)17
Aus Kommunen und Ländern

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Gesundheit mit Plan: Das bessere Versorgungssystem

Dmitri Zelenin, gesundheitspolitischer Sprecher, Die Linke Bremen und Bremerhaven

Es sei der Versuch der „Politik, in das System einzugreifen […] Aus meiner Sicher ist das überholte Planwirtschaft“, tönte es aus dem bremischen Hausärzteverband, als Anfang 2023 unsere Genossin und Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard die „Gesamtstrategie zum Abbau gesundheitlicher Ungleichheiten in Bremer Quartieren“ vorgestellt hat. Gegenstand der Entrüstung der Ärzteschaft war die Ankündigung von kommunalen Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die gezielt in unterversorgten Quartieren aufgebaut und in ein umfassenderes Versorgungskonzept gebettet werden sollen. MVZ, das sind Einrichtungen der ambulanten medizinischen Versorgung in denen Ärzt:innen angestellt tätig sind und nicht selbständig wie in klassischen Arztpraxen.

Die Lobbymacht der in den Kammern, kassenärztlichen Vereinigungen oder Verbänden organisierten Ärzt:innenschaft ist groß und ihr Interesse sich allem entgegenzustellen, was als Konkurrenz gesehen wird, auch. Bei jedem Versuch, Pflegekräften mehr Kompetenzen zu geben, neue Versorgungsformen wie Gesundheitskioske oder Gesundheitszentren einzurichten oder der öffentlichen Hand mehr Einfluss auf die ambulante medizinische Versorgung zu gewähren, muss man mit dem erbitterten Widerstand ebenjener rechnen. Es ist auch mit ihr Verdienst, dass das sogenannte Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) von jedem ansatzweise fortschrittlichen Gedanken befreit wurde und nur noch ein „Hausärztestärkungsgesetz“ übriggeblieben ist.

Doch die Nöte in der Gesundheitsversorgung auch außerhalb der Kliniken sind groß und das nicht erst seit Kurzem. Die niedergelassene Ärzt:innenschaft ist geprägt durch eine Generation, die in großen Mengen bald in die Rente gehen wird oder es bereits tut. Gleichzeitig haben junge Ärzt:innen zum Großteil keine Lust auf das Dasein als selbstständige Ärzt:innen und gehen lieber in die Kliniken mit ihren geregelten Arbeitsverhältnissen. Zum Nachwuchsproblem gesellt sich eine unfassbare Ungleichverteilung der bestehenden Arztpraxen. In reichen Stadtteilen geben sich Ärzt:innen die Klinke in die Hand, in armutsbetroffenen Quartieren aber auch auf dem Land sind sie häufig schwer zu finden. Die Ärzt:innenlobby erkennt teilweise diese Missstände an und insbesondere das Nachwuchsproblem skandalisiert sie auch, die Bereitschaft aber, substantiell und systematisch die Gesundheitsversorgung zu reformieren, zeigt sie nicht, ihre einzige Lösung besteht in den Forderungen nach mehr Geld und Entbürokratisierung für die Niedergelassenen. Wenn aber Kommunen oder Länder ein Wörtchen bei der Versorgungsplanung und -gestaltung mitreden wollen, mobilisiert die Lobby ihr Möglichstes, um solche Pläne zu blockieren.

Und schließlich ist das ambulante Gesundheitssystem in der Bundesrepublik keines, welches im Sinne einer langfristig gesundheitsförderlichen Versorgung besonders gut funktioniert. Es ist geprägt durch ihre Vielzahl an einzelnen selbstständigen niedergelassenen Ärzt:innen, getrennt in ihren Disziplinen und hauptsächlich für sich alleine arbeitend, und so ist es auch vorgesehen. Wenn ich mit gesundheitlichen Problemen zu meiner Ärztin gehe, die durch Schimmel in meiner Wohnung verursacht wurden, dann wird sie lediglich Symptombekämpfung leisten können. Es ist in dem Fall nicht ihre Aufgabe herauszufinden, woher diese Gesundheitsprobleme kommen könnten, geschweige denn Anstrengungen zu unternehmen, dass der Schimmel beseitigt wird. Dabei sind die Verhältnisse, in denen wir (gezwungen sind zu) leben, die Hauptfaktoren für unsere Gesundheitssituation. Gesundheitspolitik ist damit immer auch Sozial-, Wohnungs-, Umwelt-, …politik. Aber das heißt auch, dass die Einrichtungen der Gesundheitsversorgung so gestaltet werden müssen, dass es Teil ihrer Aufgabe ist, gesunde Lebensumstände zu schaffen. Dafür braucht es ein System, in dem verschiedene Disziplinen und Professionen zusammenarbeiten, und welches einen möglichst niedrigschwelligen Zugang bietet.

Als Bremer Linke ist genau das unsere Vision für die Gesundheitsversorgung in Bremen und Bremerhaven. Teil der erwähnten Gesamtstrategie ist damit die Einrichtung von Gesundheitszentren in den Quartieren. Das sind nicht bloß kommunale MVZ, sondern Orte, die zum zentralen Anlaufpunkt für beinahe alle Gesundheitsfragen entwickelt werden sollen. Dabei haben verschiedenste ärztliche und therapeutische Disziplinen mit unterschiedlichen Beratungsangeboten und Hebammen an einem Ort auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, angepasst an die lokalen Versorgungsbedarfe. Ergänzt um aktive Netzwerk- und Gemeinwesenarbeit werden solche stadtteilbezogenen Gesundheitszentren zu Orten, die über geballtes Wissen über die gesundheitlichen Verhältnisse sowie Bedarfe verfügen und diese auch angehen können. Sie werden auch zu Orten, an denen die Patient:innen mit den Verhältnissen nicht alleine gelassen werden.

Mit dem Aufbau des „Lokalen Integrierten Gesundheitszentrums für Alle“ (kurz LIGA) startete genau ein solches Vorhaben in Gröpelingen, ein Bremer Arbeiter:innenstadtteil, welcher seit der Werftenkrise der 80er durch hohe Arbeitslosigkeitszahlen und geringe Einkommensniveaus geprägt ist. In Gröpelingen zeigt sich, was in vergleichbaren Orten auch gilt, ein hoher Versorgungsbedarf trifft auf eine geringe Versorgung. 2022 eröffnete die Beratungsstelle und bis heute konnten offene Gesundheitsberatungen, Gesundheitsförderungsangebote, aufsuchende Arbeit und ein integriertes Hebammenzentrum aufgebaut werden. Das LIGA steckt damit zwar noch in den Kinderschuhen und ist ein gutes Stück entfernt von der eigenen Vision, schreitet aber auf einem guten Weg und hilft als Pionierprojekt enorm dabei, zukünftige Vorhaben von Gesundheitszentren schneller und effektiver umzusetzen. Die Ansprüche sind hoch und die Bedingungen aber denkbar schlecht.

Das LIGA in Bremen ist dabei nicht das einzige, erste oder fortgeschrittenste Vorhaben des Aufbaus eines solchen Gesundheitszentrums in der Bundesrepublik. Eines der interessantesten Netzwerke ist dabei das Poliklinik Syndikat. Namentlich beziehen sie sich zwar auf die Polikliniken der DDR, ambulante Einrichtungen in denen angestellte Ärzt:innen verschiedenster Disziplinen an einem Ort zusammenarbeiteten, welche in den 1990ern Schritt für Schritt aufgelöst wurden, entwickelten das Konzept aber vergleichbar mit den vorher genannten Gesundheitszentren bedeutend weiter. Anders aber als in Bremen ist es eine Bewegung, deren Mitgliedsgruppen bundesweit versuchen, solche Gesundheitszentren von unten aufzubauen. Am weitesten fortgeschritten sind deren Zentren im Berliner Neukölln oder in der Hamburger Veddel, welche auch für das Bremer Projekt Vorbildcharakter haben.

Die wichtigsten Lehren sind dabei bereits jetzt, politischer Wille, Kampfgeist und viel Ausdauer sind essenziell. Doch wirklich nachhaltig und flächendeckend lässt sich eine solche Vision der Gesundheitszentren nur erfüllen, wenn wir einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik erstreiten. Dabei muss alles von der Macht der Ärzteverbände, über Planung, Gesundheitsfinanzierung, Berufsbilder bis hin zum Gesundheitsverständnis an sich in Frage gestellt werden. Gesundheit mit Plan ist das Ziel.

Abb. (PDF): Logo Die Linke Bremen