Papua-Neuguinea: Erdrutschkatastrophe – örtlich – staatlich – international
Vor wenigen Wochen – am 23. Mai 2024 – ereignete sich in Papua-Neuguinea (PNG) in der Provinz Enga in und um Yambali in sechs Dörfern ein Erdrutsch mit schwersten Auswirkungen. Bis zu acht Meter Schutt und Erde begruben Menschen, Häuser und Ackerland, beschädigten eine wichtige Zugangsstraße und brachten eine naheliegende Brücke zum Einsturz. In PNG mit einem der feuchtesten Klimas der Welt, hatte seit mehreren Wochen die beginnende äquatoriale Regenzeit durch heftige Regenfälle Sand und Gestein völlig aufgeweicht. Auch Vulkanausbrüche und Erdbeben, Wirbelstürme und Dürreperioden machen dieses im westlichen Südpazifik auf dem sogenannten pazifischen Feuerring gelegene Land zu einem „bevorzugten“ Ort für Klima- und Naturkatastrophen. Es steht daher auf der Weltrangliste der klimagefährdeten Länder auf Platz zehn.
Edda Lechner, Norderstedt
Am 28. Mai, fünf Tage nach dem Erdrutsch, als so gut wie niemand mehr mit Überlebenden unter den Schutthalden rechnen konnte, schätzte das „Nationale Katastrophenzentrum“ die Verluste auf 2 000 Menschen und auf 150 zerstörte Häuser ein. Die Vereinten Nationen sprachen von einer Zahl von 7.840 Menschen, die insgesamt in diesem Gebiet Schaden erlitten hatten, bzw. davor geflohen waren. Unter ihnen sollen sich eine besonders hohe Zahl von Kindern – etwa 3300 – befunden haben. 220 Menschen wurden auf Grund schwerer Verletzungen behandelt und nur elf Leichen konnten überhaupt von den Rettungskräften geborgen werden.
Eine genaue Schätzung und damit verbunden auch eine gezielte Hilfe konnte nur schwer erreicht werden. Das hat verschiedene Gründe. In PNG hat es seit 2000 keine glaubwürdige Volkszählung mehr gegeben. Bekannt ist nur, dass in diesem gefährdeten Gebiet nach Untersuchungen von 2022 ca. 90% der Bevölkerung – wie auch sonst in Neuguinea – als Subsistenzbauern leben. Diese betreiben Landwirtschaft, halten Gemüsegärten und züchten Vieh. Nur ganz wenige BürgerInnen finden eine bezahlte Lohnarbeit, die dazu geeigneten wenigen Städte befinden sich fast ausschließlich in den entfernten Küstenregionen. Wir berichteten in den Politischen Berichten (6/2023) von den bewussten Versuchen der Regierung PNGs unter ihrem Präsidenten James Marape, sich in Zusammenarbeit mit der „Asiatischen Entwicklungsbank“ (ADB) in den Häfen von Wewak und Vanino, eine neue wirtschaftliche Existenz und neue Arbeitsmöglichkeiten in Form einer „Freihandelszone“ für den Export von Palmöl, Kakao, Fisch, Rinder und Reis aufzubauen. Eine neue lukrative Fischindustrie wurde mit den Philippinen, Indonesien und Südkorea abgesprochen. Aber natürlich bedürfen diese Vorhaben alle einer längeren Entwicklung.
Vielfältige Ursachen für den Erdrutsch in Enga
Die gegenwärtigen landwirtschaftlichen Flächen sind in Neuguinea zu 97% in privater Hand sie gehören kleinen Bauern und ihren Stämmen. Dem Staat unterstehen für eine geordnete Kontrolle – so z.B. auch für entsprechende klimatische Schutzmaßnahmen – und vor allem für gezielte Investitionen in den Anbau neuer Pflanzen nur 3% der landwirtschaftlichen Produktion. Diese Form der Privatwirtschaft führt nun vermehrt zu Konflikten untereinander. Denn die ländliche Produktion ist keineswegs in der Lage, die notwendige Ernährung der Bevölkerung sichern zu stellen. 40% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, mit einem Brutto-Inland-Produkt pro Kopf von nur 3005 US-Dollar (vgl. Deutschland mit 50795 Dollar). Und das ist neben den geo-ökologischen Ursachen ein weiterer Grund für das verwirrende Ausmaß der Katastrophe. 2024 lösten steuerbezogene Proteste in den Hochlandprovinzen heftige Gewaltaktionen aus, mit einer unbekannten Zahl von Toten und Verletzten. In der vom Erdrutsch betroffenen Provinz Enga fand drei Monate zuvor ein heftiger Konflikt in der Stadt Wabag statt, dem etwa 50 Menschen zum Opfer fielen. Dabei wurden sowohl landwirtschaftliche Flächen zerstört als auch zahlreiche Menschen vertrieben. Straftaten, Diebstähle und Vertreibungen von Personengruppen sind also an der Tagesordnung. Dabei spielen auch sexuelle und personenbezogene Angriffe gegen Frauen und Kinder eine große Rolle. Ähnliches wird auch immer wieder aus anderen Staaten des Pazifiks berichtet und ist sicher auf alte patriarchalische Stammesstrukturen zurückzuführen. Für Enga und die Umgebung von Yambali wird allein in letzter Zeit mit 20 000 Binnenvertriebenen gerechnet. Sie flüchten meistens zu ihren Verwandten, den Mitgliedern ihres Stammes oder in staatlich eingerichtete behelfsmäßige Unterkünfte. Sie alle waren – ungezählt, vertrieben und verfolgt – schwer identifizierbare und nicht auffindbare Opfer dieser Umwelt-Katastrophe.
Positiv verzeichnet werden kann die große internationale Unterstützung, die nach der Katastrophe stattfand. Durch diverse Organisationen der Vereinten Nationen, z.B. Organisation für Migration (IOM), Entwicklungsorgan (UNDP), Kinderhilfswerk (Unicef), UN Women und das UN-Länderteam (UNCT), sowie verschiedene Hilfsorganisationen des Roten Kreuzes und des Roten Halbmond. Auch die bekannten Nichtregierungsorganisationen wie die Entwicklungszusammenarbeit CARE und Save The Children boten ihre Hilfe an. Ländergebundene amerikanische, französische und indische Regierungen entsandten Hilfskonvois mit Ingenieuren, Technikern und Ärzten. Aber auch Hubschrauber, z.B. von dem im Land stationierten amerikanischen Militär, waren im Einsatz. Sie alle sorgten für sauberes Wasser, das durch den Erdrutsch in der Umgebung total verschüttet wurde und lieferten notwendige Lebensmittel, Kleidung, Medikamente und Unterkünfte. Zuvor hatte das „Nationale Katastrophenzentrum“ von PNG ganz offiziell bei der UN ein Ersuchen für internationale Hilfe eingereicht.
Von Australiens Präsidenten gab es das Angebot für einen schnellen Flugzeugeinsatz, was für diese Art von Umweltkatastrophe allerdings nur logistisch genutzt werden konnte. Den Verschütteten konnte nur geholfen werden, wenn sie – bekanntlich innerhalb von drei Tagen – vor Ort per Hand und Schaufel und per Ohr gefunden und ausgegraben wurden. Aber für die zahlreichen aus dem Gebiet vertriebenen und geflohenen Menschen und für PNG insgesamt waren sie eine große Hilfe. Der zuständige Außenminister Tkatchenko bedankte sich abschließend besonders bei der Regierung Australiens für die geleistete Hilfe und die zur Verfügung gestellte Summe in Höhe von 2,5 Millionen US-Dollar. Die Stärke der guten Beziehungen zwischen den beiden geografisch besonders nahegelegenen Ländern beruhe vor allem darauf, so der australische Premierminister Marles, dass PNG dieses Land zwei Jahre zuvor beim dortigen Waldbrand ebenfalls vorbildlich unterstützt hatte.
Der bisherige Eindruck, dass die Länder des Pazifiks, wie sie stets auf den weltweit stattfindenden Klimakonferenzen betonen, die Katastrophen ausbaden müssen, die die westliche Welt durch ihre hohen CO2-Emissionen verursacht hat, muss im Blick auf diese Erdrutsch-Katastrophe revidiert werden. Denn überall auf der Erde gibt es eine ganze Reihe von vielfältigen – auch selbst verschuldeten – Ursachen für solche Umwelt-Katastrophen. Ob im Ahrtal oder in der Provinz Enga. Und gegen die müssen überall auf der Welt in allen Ländern notwendigerweise dringende eigene Maßnahmen ergriffen und gegenseitige Unterstützung geleistet werden.