* 22-kalenderblatt-gb-1832-wahlrechtserweiterungen-detscher-weis-5.html * 23b-kalenderblatt-gb-1832-george-eliot-roman-felix-holt-fochler-5.html
Kalenderblatt: 7. Juni 1832 Großbritannien
Ein Jahrhundert der Wahlrechtserweiterungen
Vom „Great Reform Act“ 1832 bis zum vollständigen Frauenwahlrecht 1928
Eva Detscher, Karlsruhe, und Florian Weis, Berlin
01
Zeitleiste zum britischen Wahlrecht
Der britische Parlamentarismus war im Unterschied zu den bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ausschließlich feudalen oder absolutistischen Herrschaftsformen in den allermeisten europäischen Ländern fraglos moderner und progressiver. Demokratisch war er jedoch lange Zeit nur begrenzt, sofern hier die Frage des Wahlrechts und der Teilhabe gemeint sind, zentrale, aber nicht die einzigen Merkmale einer demokratischen Gesellschaft. Nur eine verschwindend kleine Minderheit der erwachsenen Männer besaß das Wahlrecht für das Unterhaus. Daran änderte zunächst auch der Great Reform Act von 1832 wenig. Dennoch erwies er sich im Nachhinein als Wegemarke für eine dynamische Entwicklung hin zum allgemeinen, freien und geheimen Wahlrecht für alle Erwachsenen. Dies wurde zwar erst fast ein Jahrhundert später, nämlich 1928, erreicht, was sich in den Reform Acts (Gesetze zur Ausgestaltung und Änderung des Gesetzes von 1832) widerspiegelt (siehe Zeitleiste). Denjenigen, die 1832 den ersten „Great Reform Act“ durchsetzten, war weder klar noch war es ihre Absicht, dass ein Jahrhundert später im Prinzip alle Frauen und Männer, die älter als 21 waren, wählen konnten, einschließlich vieler in Großbritannien lebenden Irinnen und Iren und eines Teil der im Lande lebenden Commonwealth-Bürger:innen.
Die Reformen von 1831/32 reduzierten die systematische Korruption des Wahlprozederes. Dies wurde durch die Rotten Boroughs (Gebiete mit ausgedünnter Bevölkerung aufgrund wirtschaftlichen Niedergangs) begünstigt, in denen allenfalls eine zweistellige Zahl von Wahlberechtigten lebte. Deren Stimmen waren den Umständen entsprechend käuflich durch reiche Adlige, die dann auch noch mehrere solcher Wahlkreise kontrollierten. Den Rotten Boroughs standen die schnellwachsenden Städte der Industrialisierung gegenüber, die vor 1831 im Unterhaus stark unter- oder gar nicht repräsentiert waren. Mit der Reform von 1832 stieg die Zahl der Wahlberechtigten insgesamt freilich nur moderat an, ausschließlich eine kleine Minderheit besitzender Männer konnte politisch mitbestimmen. So klein dieser Schritt auch war, so kann er nachträglich als Beginn einer Dynamik verstanden werden, die die Absichten seiner Initiatoren radikal überstieg. So wie auch die Absichten führender Aufklärer keineswegs vorsahen, auch besitzlosen Männern und Frauen oder versklavten Menschen gleiche Rechte zu geben, so ließ sich die argumentative Wucht der Aufklärung nicht eindämmen und wurde zur emanzipatorischen Waffe der antikolonialen Bewegungen ebenso wie der Frauenrechts- und der Arbeiter:innenbewegung.
Die Chartisten-Bewegung der 1830er und 1840er Jahre, die das allgemeine, freie und geheime Wahlrecht für alle Männer, die Bezahlung der Abgeordnetentätigkeit, gewerkschaftliche Organisationsrechte, Arbeitszeitbegrenzungen und weitere soziale Forderungen erhob, konnte zwar Millionen von Unterschriften für ihre Petitionen sammeln und Kundgebungen durchführen, sich aber letztlich nicht durchsetzen. Auf lange Sicht aber trug ihr Kampf dazu bei, dass 1867/1868 nunmehr auch Teile der männlichen Arbeiterschaft das Stimmrecht erhielten, ehe es 1884/1885 auf alle Männer von mindestens 21 Jahren ausgedehnt wurde. Doch dauerte es mehr als dreißig weitere Jahre, ehe auch der hartnäckige und vielfach spektakuläre Kampf der Suffragetten-Bewegung um das Frauenwahlrecht zum Erfolg führte, nachdem Neuseeland und Australien, Länder des British Commonwealth, bereits 1893 bzw. 1902 das Frauenwahlrecht eingeführt hatten.
Die Integration von Frauen ins Arbeitsleben, die der Erste Weltkrieg erzwang, weil die Männer an der Front kämpften, trug dazu bei, dass das ein Teil der Frauen im Dezember 1918 erstmals das Unterhaus mit wählen konnten. Die ersten beiden weiblichen Abgeordneten waren Nancy Astor für die Konservativen und Constance Markievicz für Sinn Féin, wobei letztere das Mandat in London gemäß der Linie der irischen Republikaner:innen nicht annahm. Erst 1928 schließlich erhielten schließlich auch besitzlose und unverheiratete Frauen das Wahlrecht.
Auffallend ist, dass die britischen Konservativen sich wesentlich schneller mit den Wahlrechtsausweitungen und damit dem Weg in eine Massendemokratie arrangierten als die Konservativen und die vergleichbaren Parteien in Deutschland und anderen Ländern. Dies half den Tories, eine starke Minderheit der Arbeiter:innenschaft und viele Frauen als Wähler:innen zu gewinnen.
Abb. (PDF): Women‘s Social and Political Union (WSPU) – Plakat von Hilda Dallas , 1909 https://en.wikipedia.org/wiki/Women%27s_suffrage_in_the_United_Kingdom
Abb. (PDF): Zeichnung Parlament/Charter, https://spartacus-educational.com/CHpetitions.htm
Zeitleiste zum britischen Wahlrecht
1215: Magna Carta – Fundament für das Konzept der Rechtsstaatlichkeit und der Teilhabe an politischen Entscheidungen.
1689: Bill of Rights – Wesentliche Rechte und Freiheiten, Eckpfeiler der modernen demokratischen Staatsführung, Rechte des englischen Parlaments gegenüber der Monarchie.
1832: Reform Act von 1832 – Erweiterung des Wahlrechts (insbesondere auf wohlhabende Männer in Städten), Neuverteilung der Sitze im Parlament.
1867: Second Reform Act – Erweiterung des Wahlrechts auf Arbeiter in Städten.
1884: Third Reform Act – Erweiterung des Wahlrechts auf Landarbeiter.
1918: Representation of the People Act – Wahlrecht für Frauen über 30 Jahren mit geeigneter Qualifikation sowie für Männer über 21.
1928: Representation of the People (Equal Franchise) Act – Gleiches Wahlrecht für Frauen und Männer (d.h. ab 21 Jahren).
1948: Representation of the People Act – Abschaffung von Privilegien beim Wahlrecht (z.B. Doppelwahlrecht für Absolventen der Universitäten, die bis 1945 sowohl in ihren Wohnorten als auch für die Universitätssitze abstimmen durften.)
1969: Representation of the People Act – Absenkung des Wahlalters auf 18 Jahre.
Anm.: 1839 People’s Charter – Petition von über einer Million Menschen, die ein neues Wahlrecht fordern, initiiert vom Londoner Arbeiterverband. Sechs Punkte:
1. Allgemeines Stimmrecht für jeden mündigen Mann, der bei gesundem Verstande und keines Verbrechens überführt ist.
2. Jährlich zu erneuernde Parlamente.
3. Diäten für die Parlamentsmitglieder, damit auch Unbemittelte eine Wahl annehmen können.
4. Abschaffung der ausschließlichen Wählbarkeit derjenigen, die 300 Pfund Sterling in Grundbesitz haben, sodass jeder Wähler auch wählbar ist.
5. Geheime Wahlen mit Stimmzettel, um Bestechung und Einschüchterung zu vermeiden.
6. Gleiche Wahldistrikte, um eine gerechte Vertretung des gesamten Landes zu sichern.
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/millionen-unterschriften-fuer-ein-neues-wahlrecht-100.html, zusammengestellt von Eva Detscher, Karlsruhe, unter Zuhilfenahme von neuroflash