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George Eliot: Felix Holt, Der Radikale – Ein politischer Roman von 1866
Martin Fochler, München. Erschienen 1866 in Edinburgh und London1 in der Schlussphase der hitzigen Auseinandersetzung um das Wahlrecht-Reformgesetz von 18672 war der Roman als politische Stellungnahme platziert. Bereits 1868 lag eine Übersetzung ins Deutsche vor,3 deren 2015 überarbeitete Fassung (ca. 500 Seiten) aktuell als eBook bei Hugendubel für 2,99 Euro bezogen werden kann.
Romane veröffentlichte Mary Ann Evans, Redakteurin, Autorin und Übersetzerin vieler wissenschaftlicher Werke, unter dem Pseudonym George Eliot.4 Thema ihres Lebens wie ihrer Publizistik war Emanzipation in kritischer und praktischer Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Normen und Verhältnissen. Im „Radikalen“ stehen die Fragen „wie soll ich leben“ und „wofür soll ich eintreten“ zur Debatte. G.E. will das breite Lesepublikum erreichen und spart mit den zeitüblichen Zutaten nicht: verwickelte Familien- und Abstammungsverhältnisse, Prozesse um Erbschaften, bösartige Intrigen, Irrungen und Wirrungen in Liebesangelegenheit – nichts fehlt bei dieser Konstruktion aus aufeinandergetürmten Unwahrscheinlichkeiten. In krassem Gegensatz dazu stehen die Genauigkeit und Zuwendung, mit der die handelnden Personen in ihren sehr verschiedenen Lebensumständen und Abhängigkeiten gezeichnet werden und Raum erhalten, ihr Handeln und Denken vor dem eigenen Gewissen, im Dialog mit Nahestehenden und auch bei öffentlichen Gelegenheiten zu rechtfertigen.
Wer sich für die historische Entwicklung politischer Ideen interessiert, wird hier fündig, es ist nicht eine dritte Person, die das Publikum über „die Moral von der Geschicht’“ belehrt, die Leute reden selbst. Mit großem Geschick arbeitet G.E. heraus, dass die Wahrung von Integrität und Unabhängigkeit im Denken auch die Möglichkeit partnerschaftlicher Lebensgestaltung birgt, und auch, dass diesen Weg nur einschlagen kann, wer Zugang zur Welt des Wissens hat. Und, dass man in ganz verschiedenen Lebensumständen beachten muss: Lebensgestaltung nach dem Konzept „Nimm, was Du irgendwie kriegen kannst“ ruiniert zuerst die persönlichen Beziehungen und dann auch das Ansehen und zum Schluss noch das Vermögen.
Bedenkenlose Vorteilnahme korrumpiert, egal ob es um die Vergabe der politischen Gunst und Wählerstimmen, „um eine halbe Krone“ geht oder um einen hunderttausende Pfund schweren Erbschaftsanspruch oder Gattenwahl. Politisch wälzt G.E. das Problem, was von der Veränderung des Wahlverfahrens zu erhoffen sei. Zur Zeit des Romans 1832 ist die Wahlberechtigung nicht allgemein. Die öffentliche Stimmabgabe findet unter großem Hallo statt, die Wahlberechtigten stehen unter Beobachtung derjenigen, von denen sie (z.B. als Pächter) abhängig sind und der Vielen, mit denen sie im Alltag weiter zusammenleben. Stimmenkauf und nötigende Auftritte sind notorisch.3 Im Roman münden Korrumpierung des Publikums durch Schmeichelei, lügenhafte Versprechung und direkte Bestechung in Tumult, Plünderung, Totschlag.
Im Vorfeld lässt die Autorin zwei Meinungen aufeinanderstoßen. Zunächst nutzt ein, wie es in der Übersetzung heißt, „Vertreter von Arbeitervereinen“ die Gelegenheit, für eine weitere Reform des Wahlrechts (faire Einteilung der Wahlkreise, Ausweitung des Wahlrechts, geheime Stimmabgabe, mit einem Jahr sehr kurze Amtszeit) zu werben. Er verspricht sich und dem Publikum, dass dies ein Machtmittel sei, sicherzustellen, dass „die feinen Herren, die uns regieren wollen, so gut wie möglich für uns sorgen. Sie sagen, sie haben die Kenntnisse. Gut, aber wir haben die Bedürfnisse“ – und mit dem reformierten Wahlrecht die Macht, diese zur Geltung zu bringen.
Dagegen wendet der Protagonist des Romans ein, dass mit dieser Reform die Übel der Korrumpierung nicht ausgeschlossen würden, die Mächtigen könnten lügenhafte Versprechungen machen oder Vorteile zu Lasten anderer usw. Die Lösung dieses Problems liege nicht in der Macht von Wahlverfahren. Die größte Macht auf Erden sei „die öffentliche Meinung, die die Gesellschaft beherrschende Überzeugung von dem, was recht und was unrecht, ehrenvoll und unehrenvoll ist“. Ziemlich herbe fährt er fort: „Politische Freiheit kann so wenig wie eine Religion, an die wir nicht glauben, für die Verbesserung unserer Lage etwas leisten, solange die Menschen lachen und sich höhnisch zunicken, wenn die Leute mit jener Freiheit Missbrauch treiben und sie beflecken sehen.“
Der Autorin geht es um Emanzipation – der Geschlechter wie der sozialen Klassen – und auch heute, anderthalb Jahrhunderte später, spricht für ihre Sicht der Dinge, dass Reformgesetze von der öffentlichen Meinung getragen und in den Lebenspraktiken vorexerziert werden müssen, wenn sie als Gesetz Bestand haben sollen.
(1) en.wikipedia.org/wiki/Felix_Holt,_the_Radical – Romanhandlung und Handlung und Charakteristik der Personen . (2) en.wikipedia.org/wiki/Reform_Acts (3) www.jstor.org/stable/pdf/40734885.pdf – Zur zeitgenössischen Wahlrechtsdebatte in Deutschland: „Die geheime Stimmgebung bei Wahlen in die Repräsentativkörperschaften, geschichtlich, theoretisch und nach dem Stande der neueren Gesetzgebung betrachtet“, Von Prof. Dr. Schäffle, 1865 in der „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft“, 57 Seiten. (4) en.wikipedia.org/wiki/George_Eliot – der mit MS Edge automatisch übersetzte Beitrag aus en.wikipedia gibt ein anschauliches Bild der Verflechtung von persönlichen Lebensumständen und wissenschaftlicher / literarische / politischer Entwicklung. • Beiträge aus en.wikipedia wurde in der automatischen Übersetzung durch MS Edge herangezogen.
Abb. (PDF): Portrait George Eliot