Politische Berichte Nr.06/2024 (PDF)14
Aus Kommunen und Ländern

Essen: Litterode muss bleiben!

Diskussion um Nachhaltigkeit beim Bauen – Soziale Gemeinschaften wichtig

Wolfgang Freye, Essen

Die Litterode ist eine Siedlung im Essener Stadtteil Kray-Leithe. 1934, zwischen den beiden Kohle-Zechen Bonifacius und Centrum erbaut, ist sie in einem sehr einfachen Stil entstanden, der in seiner Schlichtheit und Zweckdienlichkeit nach Meinung von Fachleuten aber durchaus beeindruckt. Die Siedlung gehörte der Stadt und wurde bis 1994 als Obdachlosenunterkunft genutzt. Ab den 80er Jahren sind die damaligen Bewohner zunehmend in „normale“ Mietverhältnisse eingetreten. Während die Stadt Essen jahrzehntelang nichts für den Erhalt der Häuser tat, haben sie viel Zeit und Geld hineingesteckt – neue Bäder, neue Fußböden hier, ein Wanddurchbruch dort, gestrichen usw.

Erst im September 2021 kam Bewegung auf: Der Rat beschloss eine Vorlage der Verwaltung, die Siedlung mit 24 überwiegend zweigeschossigen Doppelhäusern an die städtische Wohnungsbaugesellschaft Allbau zu verkaufen und diese mit dem Abriss und Neubau der Siedlung zu betrauen. Entstehen sollen im Kern rund 60 öffentlich geförderte Wohnungen und zur Mitfinanzierung des Projektes zwölf Einfamilienhäuser, die vom Allbau verkauft werden sollen. Auch die Eigenheime sollen mit Landesförderung für Eigenheimbesitzer mit niedrigeren Einkommen gebaut werden.

Die Begründung für die Pläne: Die derzeitigen, noch mit Kohleöfen beheizten Häuser, sind nicht wirtschaftlich auf heutige energetische Standards zu sanieren, die Wohnungen mit durchschnittlich 57 Quadratmeter zu klein und die vorhandene Fläche von 12800 Quadratmeter mit viel Grün könnte bei einer Neubebauung deutlich verdichtet werden. Der Verkauf und die Aussagen zum Konzept wurden vom Rat einstimmig beschlossen. Die Stadt Essen hat erheblichen Bedarf an Sozialwohnungen, deswegen hat auch Die Linke dafür gestimmt. Erfahren haben die Bewohner erst in diesem Frühjahr von den Plänen des Allbau. Nach der Übernahme der Gebäude erhielten sie Anfang 2022 zunächst ein Schreiben, dass sich durch die Übernahme nichts ändern würde. Der Allbau wollte zunächst nur die Gebäude im Teil A der Siedlung abreißen und neu bauen, die ohnehin seit Jahren leer stehen. Aus Kostengründen will er inzwischen jedoch alles in einem Zug abreißen und das Bebauungsvorhaben als Ganzes angehen.

Protest gegen Auflösung der Gemeinschaft

Seitdem das Vorhaben bekannt wurde, gibt es Protest der Bewohner. Es gab mehrere Aktionen, eine „Aktuelle Stunde“ in der Bezirksvertretung und einen Termin der Initiative der Bewohner beim Oberbürgermeister. Ihnen geht es um den Erhalt ihres preiswerten Wohnraums – die Mieten liegen teilweise unter 5 Euro pro Quadratmeter – und der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Bewohner in den 21 noch bewohnten Wohnungen funktioniert bestens, man unterstützt und hilft sich gegenseitig und feiert zusammen. Auch Stadtplaner sind heute der Ansicht, dass gewachsene Gemeinschaften ein hohes Gut sind – gerade in Zeiten zunehmenden Auseinanderfallens der Gesellschaft.

Die Linke hat als einzige Partei im Rat auf den Protest reagiert und den Allbau aufgefordert, die Pläne noch einmal zu überdenken, sie zumindest in Etappen umzusetzen und den Bewohnern in jedem Fall den Rückzug zu ermöglichen. Im August nahm sich Dipl.-Ing. Tim Rienits, Professor für Stadtentwicklung in Hannover, mit seinem Team vom Institute of Urban Design and Planing der Sache annahm. Er schlug pressewirksam ein Alternativkonzept vor, das den Erhalt der noch bewohnbaren Häuser vorsieht und eine Neubebauung nur des Teils, dessen Häuser ohnehin schon lange leer stehen. Die 24 Doppelhäuser sollen zu jeweils einer Wohneinheit zusammengefasst werden, daneben soll ein Block im Geschosswohnungsbau mit 53 Wohnungen errichtet werden. Das wären sogar 77 Wohneinheiten, mehr als die Planung des Allbau. Gleichzeitig rechnete Prof. Rienits vor, dass die Klimabilanz von Abriss und Neubau in jedem Fall schlechter ist, als Sanierung im Bestand. Im Gegensatz zum Allbau hält er eine solche Sanierung für möglich, da die eigentliche Bausubstanz der bewohnten Häuser gut ist.

Sanierungsvorschläge prüfen!

Die Linke im Rat hat diese Initiative aufgegriffen und am 6.11.2024 zu einer Diskussionsveranstaltung ins Essener Forum für Kunst und Architektur eingeladen. Der Raum war mit rund 80 Teilnehmenden voll, im Podium saßen Peter Brdenk vom Vorstand des Bundes Deutscher Architekten (BdA) Essen, Tim Rienits, Dirk Miklilkowski, Geschäftsführer des Allbau, Hevran Becker von der Bewohner*innen-Initiative und Martin Harter, Planungsdezernent der Stadt Essen. Es war manchmal nicht ganz einfach, die Diskussion sachlich zu halten, es gelang aber gut – auch wenn Herr Miklikowski mit der Aussage eröffnete, dass er eigentlich gar nicht so genau wüsste, was er hier soll … Planungsdezernent Harter sagte zum Schluss zu, sich die ihm übergebenen Pläne noch einmal anzusehen und mit Tim Rienits zu erörtern.

Der Allbau hatte schon vorher zu einer Eskalation der Diskussion beigetragen, indem er eins der Häuser, die nach dem Konzept von Herrn Rienits erhalten werden sollten, abreißen ließ. Im Zusammenhang mit einer Aktion der Bewohner am 23.11., bei der ein Haus symbolisch gedämmt werden sollte, drohte er den zum Ende des Jahres sowieso gekündigten Bewohnern nun eine weitere Kündigung an. Der Allbau befürchtete Beschädigungen an dem Haus, das er ja sowieso abreißen will.

Die Aktion fand trotzdem statt. Für die nächsten Sitzungen von Planungsausschuss und Rat hat Die Linke einen Antrag gestellt, nach dem die Planung von Prof. Rienits im Planungsausschuss vorgestellt werden und ein Vergleich der Wirtschaftlichkeitsrechnungen für beide Planungen vorgelegt werden soll. Der Allbau als städtische Wohnungsbaugesellschaft wäre sicherlich gut beraten, auf Dialog zu setzen und keine Rechtstreits in Kauf zu nehmen, die das gesamte Projekt vermutlich um Jahre verzögern würden.

Abb. (PDF): Aktionsbild Litterode