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„Was vom Tage übrigblieb“ – Unmündigkeit als Tragik
Martin Fochler, München. Kazuo Ishiguro, geb. 8.11.1954 in Nagasaki, aufgewachsen in Großbritannien, Nobelpreisträger des Jahres 2017, veröffentlicht 1989 den Roman „The Remains of the Day“: Übertragung ins Deutsche 1990 unter dem Titel „Was vom Tage übrigblieb“. Verfilmung 1993 (1994 synchronisiert). 2015 Aufnahme in die BBC-Auswahl der „100 bedeutendsten britischen Romane.(Wikipedia) Woher das andauernde Interesse?
Die Konstruktion ist anstrengend: Dem Publikum der 1990er Jahre wird eine Erzählung aus dem Spätherbst 1956 vorgestellt, in der ein Zeitzeuge über seine Lebenserfahrungen als Butler eines Herrensitzes im Großbritannien der Zwischenkriegszeit nachdenkt.
Bühne des Dramas ist der herrschaftliche Haushalt von Lord D. Um das Wohlbefinden des Hausherrn und seiner Gäste kümmern sich vielleicht 50 Leute. Sie werden vom Butler S. orchestriert. Dem weiblichen Personal steht die dem Butler unmittelbar unterstellte Haushälterin K. vor. Ishiguro lässt den Butler erzählen, dessen Beruf die Fähigkeit zur präzisen Beobachtung von Sachen und Menschen, von Einstellungen und Handlungen verlangt. Den Herrensitz beschreibt S. als die Nabe, in der die Speichen das Weltgeschehens zusammenlaufen und hochgebildete, welterfahrene Menschen zusammentreffen, um zu erörtern, welche Richtung der Lauf der Welt nehmen soll. Ihnen muss eine Zone absoluten Komforts eingerichtet werden, von allen Irritationen des Alltags sind sie zu entlasten, luxuriöse Gebrauchsgegenstände und erlesene Speisen bestärken sie im Bewusstsein ihrer überragenden Bedeutung. In dieser Umgebung können die Herrschaften Informationen austauschen und zum Wohle des Landes verarbeiten …
Die Bediensteten gewinnen Selbstachtung und Bedeutung, weil sie annehmen können, dass ihre kleinen, aber perfekten Dienste jene großen, informierten und weisen Entscheidungen möglich machen. Wenn ein gedeckter Tisch die Gäste als Kunstwerk ansprechen soll, muss die Dienerschaft mit ganzem Herzen bei der Sache sein, muss Bedürfnisse der Herrschaften vorausahnen und eigene Bedürfnisse ausblenden können. Kluges Entscheiden der Herrschaft bringt Vorteile für das Haus wie für das Land, für das Personal ein bisschen vom Luxus, ein Abglanz von Macht. Das für den perfekten Dienst erforderliche Einfühlungsvermögen entsteht jedoch nicht durch diese abfallenden Brocken, es nährt sich aus geteilten Werten, Vorstellungen vom Ehrenhaften, Schicklichen und von Fairness (Nicht-Willkür) gegen Untergebene.
Lord D. lehnt eine Politik dauerhafter Niederhaltung des im Weltkrieg geschlagenen Deutschen Reiches ab. Die Tradition, die er lebt, rät ihm, im Kampf besiegten Gegnern ein Angebot zu machen, ihnen die Einordnung in die durch den Ausgang des Krieges Fakt gewordenen Machtverhältnisse anzubieten.
Im direkten Gegensatz dazu steht die Strategie der aufkommenden Nazi-Bewegung, die auf Eroberung, Versklavung und Vernichtung des Feindes zielt.
Lord D. übersieht diese Tendenz, er lässt sich in diese Ideologie hineinziehen. Weil seine Nazi-Bekanntschaften wünschen, keinesfalls von jüdischem Personal bedient zu werden, beauftragt der Lord seinen Butler, solchen Unannehmlichkeiten vorzubeugen. Es stellt sich heraus, dass zwei Hausmädchen jüdischer Herkunft sind. Lord D. wünscht, dass ihnen gekündigt werde, der Butler gibt diesen Wunsch zur Ausführung an die Haushälterin weiter. Die protestiert. Es läge kein Verhalten vor, das eine Entlassung begründen könnte. Der Butler besteht darauf, dass der Wunsch des Lords genüge. Damit ist viel kaputt: Der Lord ist in den Bereich der Personalführung, das Revier des Butlers ist eingebrochen. Der Butler hat den Grundsatz fairer Personalführung – keine Strafe ohne Vergehen – aufgegeben, sein Gehorsam ist sklavisch geworden und seine Anordnung des Vollzugs an die Haushälterin willkürlich. Einige Zeit später – die antisemitischen Gräueltaten der Nazis sind wohl inzwischen unübersehbar – versucht Lord D. seinen Fehler zu korrigieren. Aber zu spät. Das Vertrauen ist erschüttert. Der Butler hat mit seinem Verhalten „im Kleinen“ die Irrungen des Herrn „im Großen“ dahingehen lassen, wenn nicht gar bestärkt. Die Haushälterin, die dem goldenen Käfig durch Verheiratung entflieht, trifft auf patriarchale Strukturen, ihre Rebellion bleibt stecken.
Ishiguro kann die Erzählung so ausklingen lassen, weil die geschichtliche Entwicklung anders verlaufen ist. Die britische Gesellschaft entschied sich gegen ein Bündnis mit Nazideutschland, nach der Zerschlagung des Dritten Reiches bot man den Besiegten eine faire Chance zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft, und es kann gut sein, dass die Idee der fairen vertraglichen Ordnung asymmetrischer Machtverhältnisse dem Land auch einen Korridor geöffnet hat, auf das Streben der Kolonien nach Unabhängigkeit einzugehen. – Der Roman legt nahe, sich informiert zu halten und das Urteil über die privaten wie die öffentlichen Angelegenheiten nicht anderen zu überlassen, wobei die Erzählung den Irrtum, dass das leicht getan sei, gerade nicht fördert.