Politische Berichte Nr.06/2024 (PDF)22a
Kalenderblatt

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Kalenderblatt: 15. August 1947: Indien/Pakistan/Großbritannien/

Zwischen Paternalismus und dem Abschied vom Empire: Großbritanniens Indienpolitik in den 1940er Jahren

Florian Weis, Berlin

Am 15. August 1947 wurden Indien und Pakistan unabhängige Staaten, eines der bedeutsamsten historischen Ereignisse der jüngeren Geschichte, aber verbunden mit einer der größten Fluchtbewegungen der Geschichte – Millionen von Menschen flüchteten bzw. wurden vertrieben.

Friedlicher Übergang? Unterschiedliche Deutungen der britischen Indien-Politik

Zwei Lesarten des Endes der britischen Herrschaft in Indien konkurrieren in der Wahrnehmung, mit jeweils teilweise richtigen Elementen und gleichzeitig einseitigen Überzeichnungen. Eine traditionelle Lesart betont, dass Großbritannien sich 1947 im Vergleich zu anderen Kolonialmächten relativ leicht in den Rückzug aus der imperialen Herrschaft über Indien gefügt habe. Im Vergleich etwa zu den brutalen französischen Kolonialkriegen in Vietnam und Algerien bis 1960, denen Belgiens im Kongo oder der überaus brutalen Aufstandsbekämpfung Großbritanniens selbst in Kenia in den 1950er Jahren trifft dies durchaus zu. Die britische Kriegsregierung, der seit 1940 auch die Labour Party angehörte, ging nach gescheiterten Verhandlungen mit der indischen Unabhängigkeitsbewegung um Jawaharlal Nehru und Mahatma Gandhi 1942 verstärkt repressiv gegen Proteste vor. Gravierender noch: Die Hungersnot in Bengalen 1943 etwa forderte mindestens 1,5 Millionen Opfer, möglicherweise weit mehr. Ein Genozid, wie manchmal behauptet, war dies nicht, doch hätte die Regierung das massenhafte Sterben zumindest deutlich begrenzen, vielleicht verhindern können. Der britischen Kolonialmacht wird mit Recht eine lange Teile-und-herrsche-Politik vorgeworfen. Die Folgen dieser Spaltungspolitik entluden sich in Vertreibung, Gewalt und Fluchtbewegungen, die 1947 ihren traurigen Höhepunkt fanden. So sehr dies eine Folge der fast zweihundertjährigen gezielten imperialistischen Herrschaftspolitik war, die Spaltung der indischen Gesellschaft in den 1940er Jahren hatte sich verfestigt und verselbständigt und konnte von den Briten 1946/47 nicht mehr kontrolliert werden. Die Labour-Regierung unter der sehr persönlichen Führung von Clement Attlee entschied sich dazu, den Abzug aus Indien zu beschleunigen, auch wenn dies kurzfristig Chaos und Gewalt noch anheizen würde, unter zwei schlechten Varianten die etwas weniger schlechte. In der Folge schloss sich Indien, wiewohl Republik, dem British Commonwealth an, und es entwickelten sich zwischen Nehru und der Labour Party ausgesprochen enge Beziehungen.

Die britische Arbeiter:innenbewegung und Indien

Die Labour Party und die mit ihr organisch verbundenen Gewerkschaften des Trades Union Congress sowie die Fabian Society schwankten lange Zeit zwischen einer Hinnahme der Einbindung von Teilen der Arbeiter:innenschaft in einen imperialen Konsens, einer paternalistisch ausgeformten Unterstützung kolonialer Bewegungen und einem internationalistischen Antiimperialismus. Speziell Clement Attlee, der die Partei von 1935 bis 1955 führte, befasste sich jahrzehntelang intensiv mit der Indienfrage. Als Stellvertreter Churchills während des Krieges verfolgte er, der der indischen Unabhängigkeitsbewegung weit mehr Verständnis entgegenbrachte als der Premierminister, nach dem Scheitern der Gespräche 1942 mit der Kongresspartei einen repressiven Kurs. Dies lag jedoch nicht an einer Ablehnung der indischen Unabhängigkeitsansprüche als vielmehr an Attlees Sicht, dass der Kampf gegen Nazi-Deutschland und Japan absoluten Vorrang haben müsse. Die Entscheidung des damaligen britischen Vizekönigs, den Kriegseintritt Britisch-Indiens am 3. September 1939 zu erklären, ohne einen Konsens mit den wichtigsten indischen Parteien zu suchen, richtete schweren Schaden an. Die Muslim Liga, die später die Gründung Pakistans betrieb, unterstützte die britische Seite. Die Kongresspartei war gespalten und radikalisierte sich in den Folgejahren, weil sie britischen Zusagen, nach dem Krieg den Weg zur Unabhängigkeit zu öffnen, aus schlechten historischen Erfahrungen begründet, nicht traute. Gleichzeitig hatte aber auch die britischePerspektive angesichts des Überlebenskampfes gegen den noch ungleich brutaleren deutschen und japanischen Imperialismus ihre Berechtigung. Bemerkenswert ist, wie gering die Unterstützung für die von Japan und Deutschland unterstützte Bewegung von Subras Chandra Bose blieb. Noch beachtlicher angesichts der langen eigenen Unterdrückung ist der Beitrag der indischen Soldaten in der Britisch-Indischen Armee, der erheblich zum alliierten Sieg über Japan und Nazi-Deutschland beitrug. Britisch-indische Einheiten kämpften in Süd-, Südost- und Ostasien ebenso gegen die Achsenmächte wie in Westasien, Nordafrika und Italien.

Drei Faktoren deuteten frühzeitig darauf hin, dass die Zeiten des Empire und speziell der Herrschaft über Indien sich dem Ende zuneigten. Erstens war großen Teilen der konservativen Eliten klar, dass ein erneuter Weltkrieg Großbritanniens Kräfte überfordern und daher eine Verteidigung der Herrschaft über Indien ökonomisch und militärisch nicht möglich sein würde. Auch aus diesem Grund hatten Teile der britischen Oberschichten eine Politik des Appeasements verfolgt. Umgekehrt, und das hatte der Labour-Linke Harold Laski in einer brillanten Argumentation („Is this an Imperialist War?“) Anfang 1940 geschrieben, würde eben dieser Krieg den Weg zu Entkolonialisierung, staatlicher Planung und zum Sozialstaat öffnen, weil nur so der Krieg zu gewinnen sei. Zudem unterschied Laski zwischen dem britischen Imperialismus, der kapitalorientiert und zudem im unaufhaltsamen Niedergang begriffen sei, und einem totalitären Ausbeutungsimperialismus wie dem der Nazis und Japaner. Der britische Imperialismus habe unbeabsichtigt auch die Waffen gegen ihn hervorgebracht: ökonomische durch eine beginnende Industrialisierung und Entstehung von Gewerkschaften, aber auch ideologische in Form von Aufklärung, Demokratie und Sozialismus, die sich nun gegen die Kolonialherren richteten. Der Nazi-Imperialismus vernichte dagegen als erstes die Organisationen der Arbeiter:innenbewegung und alle intellektuelle Dissidenz. Zweitens schärfte der ideologische Charakter des Krieges gegen Nazi-Deutschland und Japan auch das Bewusstsein zumindest eines wachsenden Teils der britischen Bevölkerung, dass in der Konsequenz auch der eigene Kolonialismus nicht mehr tragbar sei. Diese moralisch-politische Glaubwürdigkeitsdimension verstärkte sich drittens durch die Bedeutung der USA und der Rolle von Präsident Roosevelt, von der das britische Überleben erheblich abhing. Für große Teile der US-Eliten wie auch der progressiven Strömungen war der traditionelle europäische Imperialismus inakzeptabel. Zwei Elemente markieren die Indienpolitik der Labour Party im Unterschied zu derjenigen der Konservativen und der alten Eliten. Bei teilweise noch starken paternalistischen Zügen war gleichwohl der Labour Party klar, dass der Weg zur Unabhängigkeit sowohl politisch und moralisch geboten als auch unumkehrbar war. Mithin war die Attlee-Regierung fähig, den unvermeidbaren Abschied vom Empire einzuleiten. Zum anderen maß die britische Linke den ökonomischen und sozialen Fragen der Entkolonialisierung eine große Bedeutung zu. Kollektive Arbeiter:innenrechte, staatliche Planung, eine aktive Industrialisierung und der Aufbau sozialstaatlicher Strukturen waren für die britische Linke notwendiger Ausdruck einer umfassenden Befreiung, die allein durch eine nationale Unabhängigkeit noch nicht gewährleistet sein würde.