Politische Berichte Nr.06/2024 (PDF)27b
Demokratie verteidigen

Evangelische Pfadfinder schließen AfD-Mitglieder aus

Karl-Helmut Lechner, Norderstedt

Zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus gibt es ideologisch auch eine starke religiöse Brücke. Sie ist vielgestaltig: von gegenmoderner Kirchlichkeit über evangelikale oder charismatische Freikirchlichkeit, spirituelles Einzelgängertum bis hin zu Neuheidnischem. Einige Vertreter formulieren sogar eine eigene Theologie. So unterschiedlich und schillernd diese Impulse sein mögen, so wirkmächtig sind sie, weil sie die politische Agenda der Rechten religiös abstützen und aufladen. In den Leitungsgremien evangelischer Landeskirchen und katholischer Diözesen hat sich diese Erkenntnis zunehmend durchgesetzt. Sie haben organisatorische und gesetzliche Regelungen bis hin zum Arbeits- und Beamtenrecht getroffen, die die Unvereinbarkeit von christlichen Werten und rechter Ideologie organisatorisch umsetzbar machen sollen.

„Wir gehen ins Gespräch, und wenn nötig auch in den Streit. Wir halten Kurs und richten uns nach unserem christlichen Leitbild. Das sind wir zuerst all denen schuldig, die die Dienste der Diakonie in Anspruch nehmen. Wer Unterstützung, Betreuung, Begleitung oder Beratung braucht, muss darauf vertrauen dürfen, dass für die Diakonie die Würde des Menschen unveräußerlich ist und geachtet wird. Daher wenden wir uns gegen Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus und jede andere Form von Menschenfeindlichkeit.“

So der Präsident der Diakonie Deutschland, Rüdiger Schuch. Ähnliches gilt für andere kirchliche Organisationen und Gliederungen.

So hat der Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) kürzlich auf der 55. Bundesversammlung des VCP auf der Burg Rieneck im Spessart beschlossen, dass eine Mitgliedschaft in der AfD unvereinbar ist mit einer Mitgliedschaft im VCP. Der VCP betont, dass die pädagogischen Ziele und christlichen Werte des Verbandes den Ideologien der AfD diametral gegenüberstehen.

„Unter diesem Halstuch schlummern Werte — ein wichtiger ist die Demokratie“, sagt Antonia Lehmbecker, Vorsitzende des VCP-Landesverbandes Hamburg. Daher gilt: „Pfadfinden ist politisch … Wenn die Kinder mit sieben oder acht Jahren zu uns kommen, dann geht es um so Dinge wie: Was spielen wir, was essen wir, wohin geht die nächste Fahrt, wer wird die nächste Stammesleitung?“. Durch diese Prozesse sind die „Pfadis“ von klein auf in Kontakt mit demokratischen Prozessen und leben sie.

Daher lautet der Beschluss: „Eine Mitgliedschaft in der Partei ‚Alternative für Deutschland‘ (AfD), ihren Fraktionen in Parlamenten und Vertretungen von Gebietskörperschaften, deren Jugendorganisation ‚Junge Alternative für Deutschland‘ (JA), deren Hochschulorganisation Campus Alternative, deren Stiftung Desiderius-Erasmus-Stiftung sowie einer Förderung durch diese und die Kandidatur auf ihren Listen oder in ihrem Namen ist auf Grund der von Ihnen vertretenen und geäußerten politischen Forderungen, Ziele und Werte, sowie konkreter Aussagen ihrer Spitzenvertreter nicht mit einer Mitgliedschaft im Verband Christlicher Pfadfinder*innen e.V. vereinbar.“ Die pädagogischen Ziele der Pfadfinder*innenbewegung und des VCP, seine christlichen Werte sowie von der Bundesversammlung beschlossene Positionen sind mit einer Mitgliedschaft in der AfD sowie in den ihr zugerechneten Organisationen unvereinbar. Dies gilt auch für alle Untergliederungen des VCP.

Im Verband Christlicher Pfadfinder *innen mit Sitz in Kassel sind bundesweit rund 20 000 junge Menschen aktiv, rund 5 000 engagieren sich als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ziel der Pfadfinderschaft ist die Erziehung zu Toleranz und Demokratiefähigkeit, der Schutz von Natur und Umwelt, die Orientierung am Evangelium, Internationalität sowie der Spaß am Abenteuer.

Die Unvereinbarkeit mit der AfD sei unter dem Titel „VCP – Gegen Hass und Hetze“ mit großer Mehrheit beschlossen worden, sagte der Generalsekretär des VCP, Till Strang, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

In dem daneben einstimmig verabschiedeten Positionspapier unter dem Titel „Jugendarbeit – jetzt erst recht“ heißt es, dass angesichts „wachsender Bedrohung durch Rechtsextremismus und demokratiefeindliche Ideologien“ eine verstärkte staatliche Förderung der Jugendarbeit unerlässlich sei. Der VCP fordert die Politik und die Kirchen auf, mehr Geld für die Jugendarbeit bereitzustellen und eine frühzeitig einsetzende Präventionsarbeit zu fördern.

Zudem sei es notwendig, die Zusammenarbeit zwischen staatlichen Stellen, kirchlichen sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen und Schulen zu intensivieren, heißt es in dem Papier. Nur gemeinsam könne es gelingen, Jugendliche vor extremistischen Ideologien zu schützen und dauerhaft eine demokratische Gesellschaft zu erhalten.

Siehe auch: www.vcp.de/pfadfinden/vcpbv/einordnung-zum-beschluss-vcp-unvereinbar-mit-hass-und-hetze