Politische Berichte Nr.06/2024 (PDF)29
Demokratie verteidigen

Weltkulturerbe Bauhaus und die Moderne: Zielscheibe im AfD-Kulturkampf

Rudi Arendt, Uetersen

2025 feiert das Bauhaus in Dessau sein 100-jähriges Bestehen. Von Walter Gropius errichtet, kam in der Zeit auch die gleichnamige Hochschule von Weimar nach Dessau. Denn 1924 hatten Rechtskonservative und Deutschnationale in Thüringen die Wahl gewonnen, und dem Bauhaus in Weimar die Mittel gekürzt. Entstanden 1919, suchten hier nach dem Weltkrieg Künstler, Architekten und Sozialreformer eine Neuorientierung. Künstler sollten in den „gesellschaftlichen Produktionsprozess einbezogen und den Bedürfnissen des Volkes“ dienen. An erster Stelle stand die Architektur, da es nach dem Krieg einen großen Bedarf an Wohnraum gab.

Im Landtag von Sachsen-Anhalt stellte die AfD nun den Antrag „Irrweg der Moderne – für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus“. Das Doppeljubiläum des UNESCO-Weltkulturerbe Bauhaus sei zu würdigen. Eine „einseitige Glorifizierung des Bauhaus-Erbes“ jedoch abzulehnen und stattdessen „in einer kritischen Auseinandersetzung ein seriöses und kulturgeschichtliches Gesamtbild aufzustellen“, die alle Aspekte des Bauhauses beleuchte. Es gehe um eine „wissenschaftliche Neubewertung“. Begründet mit pauschalen Diffamierungen und Schlagwörtern wie „historische Bausünden“ und „unpersönliche Architektur“, „fragwürdige Werte“ einer „universellen Ästhetik“, „ideologische Hintergründe“ mit einer klaren „Nähe zum Kommunismus“, „globale Verwertung als Einheitsbrei“, die zur „Verwässerung regionaler Einheiten“ geführt hätte.

Dieser von allen anderen Fraktionen auf Ablehnung stoßende Angriff löste heftige Reaktionen aus, selbst im Ausland. Barbara Steiner (Stiftung Bauhaus Dessau) verwahrte sich gegen den Vorwurf der „einseitigen Glorifizierung“. Benjamin Hoff, Kultusminister Thüringens, attestiert den rechtsextremen Kulturkämpfern der AfD „einen Frontalangriff auf die Erinnerung an das Bauhaus“. „Unter Freunden klassischer Architektur entwickelte sich eine emotionale und kontroverse Diskussion, die teilweise unappetitlich ausartete“, so Damian Kaufmann, Kunsthistoriker. Es sei falsch, das Bauhaus auf seine schlichten Fassaden zu reduzieren: „Diese sind weniger einem einheitlichen Bauhaus-Stil geschuldet, als vielmehr der Programmatik ‚Form follows function‘. Die Antragssteller blendeten aus, dass das Bauhaus Normen in der Stadtplanung gesetzt habe, ohne die das heutige Wohnen mit seinen Maßstäben für Wohnkomfort nicht denkbar wäre. „Es geht um die Abkehr von engen, dunklen und krank machenden Mietskasernen der Gründerzeit hin zu sozialem Wohnungsbau mit modernen Standards wie Zentralheizung, Bad und Küche. Das Bauhaus revolutionierte das Wohnen großer Bevölkerungsschichten durch die industrielle Produktion von Wohnraum.“ Eine Antwort auf die große Wohnungsnot der Weimarer Republik. „Dass die Lösungsansätze nicht ganz ohne Schattenseiten auskamen, muss aber ebenfalls festgehalten werden“, so Kaufmann.

Der Landesfachverband der ArchitektInnen stellt fest, dass „das Wirken des historischen Bauhauses undifferenziert mit einer populistischen und substanzlosen Kritik an der Architektur der Moderne vermischt“ werde. Die AfD spreche von einem „Bauhaus-Stil“, ohne diesen zu definieren: „Schon im historischen Bauhaus war in Lehre und Praxis eine erstaunliche Weite an künstlerischen und stilistischen Ausprägungen sowie politischen Haltungen festzustellen. Daher verbietet sich der Begriff ‚Bauhaus-Stil‘ für eine seriöse und fundierte Beschäftigung mit der modernen Architektur. Dies ist Konsens in der Wissenschaft.“ Der Antrag vermische zwei Zeitebenen. Teilweise berechtigte Kritik an einzelnen Ausprägungen des historischen Bauhauses werde undifferenziert herangezogen, „um ein diffuses Unbehagen an der seitdem praktizierten modernen Architektur zu äußern, die zu ‚traditionell und kulturell verankerten Vorstellungen von Wohn- und Lebensräumen‘ in einen demonstrativen Gegensatz gestellt wird.“ Hier scheine „ein uninformiertes wie kulturpessimistisches Gedankengut auf, dass sich dem Duktus nationalistischer und völkischer Strömungen der Zwischenkriegszeit“ bediene.

Von dem Rassenideologen Paul Schultze-Naumburg stammt der Begriff „Irrweg der Moderne“ als Bezeichnung für das moderne Bauen. Seit 1930 Hochschuldirektor in Weimar, verteufelte er das Bauhaus als „undeutsch“, die Stuttgarter Weissenhofssiedlung diffamierte er als „Araberdorf“. Seine völkische Sicht auf das Bauen wolle die AfD nun wieder aufleben lassen, so die Gedenkstätten-Stiftung Buchenwald.

Hans-Thomas Tillschneider, der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion (s.a. PB 5/24 „Kulturkampf von rechts“), versucht den Architekten Phillip Oswald, im Streit aus der Bauhaus-Stiftung ausgetreten, für sich zu vereinnahmen. Der wehrt sich: „Es bedarf einer roten Linie zu Positionen, die halt wirklich völkisch und rassistisch sind, … dass diese pauschale Kritik an jeder Art von moderner Architektur auf einen solchen Weg leitet. Das können wir als Gesellschaft nicht akzeptieren.“ Er verweist auf den rechtsextremen Theoretiker Alain de Benoist und dessen Kulturkampfparole aus den 1980er Jahren. Jahre zuvor insistierte schon Armin Mohler auf die „Konservative Revolution“ der Weimarer Zeit. Das Ziel: extrem rechte Positionen aus dem Kontext des Nationalsozialismus herauszulösen, „rein“ zu waschen und einen intellektuellen Anstrich zu geben.

Nach der einkalkulierten Zurückweisung wechselte Tillschneider in die Opferrolle, versuchte seine ausgemachten Gegner weiter zu reizen und ihnen ein Diskutierverbot anzuhängen. Sich bei Fachdiskussionen nach Belieben zu bedienen, sticht ebenso hervor. So gibt es in Architektur-Fachmagazinen und Blogs eine Diskussion zu „Architektur und Identität – Regionale Einflüsse“. Hier findet sich aber kein Bezug auf eine typisch „deutsche Baukultur“, die die AfD der Diskussion einpflanzen will. Es bleibt ein durchsichtiger Versuch, sogenannte unbestrittene „Bausünden“ auf das Bauhaus zurückführen zu wollen und völkisch identitär zu wenden.

Zur Bauhaus-Tradition für soziales Wohnen schreibt Klaus Englert, Architekturkritiker, mit einem Rückgriff auf die Geschichte:

„Im Oktober 1929 kamen nach Frankfurt am Main europäische Visionäre, um über eine Frage zu debattieren, die damals viele Länder bewegte: ‚Die Wohnung als Existenzminimum‘. Mit dabei auch Walter Gropius und der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May. Eindringlich mahnten diese an, Wohnungen für die ‚mindestbemittelte Schicht der Bevölkerung‘ zu schaffen … Dass sich einflussreiche Architekten in einer deutschen Metropole treffen, um über Standards erschwinglichen Wohnens zu streiten, ist heutzutage unvorstellbar.

1929 war das noch anders: Ernst May errichtete die Römerstadt – eine Großsiedlung mit 1220 Wohnungseinheiten für die unteren sozialen Schichten. Der afghanische Bauhaus-Direktor Omar Akbar, ein später Nachfolger von Walter Gropius, entsann sich 2008, kurz nach Beginn der internationalen Finanzkrise, des legendären Frankfurter Kongresses mit der Frage, wo denn die Stararchitekten seien, die das Elend bekämpften. Schließlich lebten 900 Millionen Menschen unter dramatisch schlechten Bedingungen.“

Verwendete Quellen: • Hajo Düchting: „Wie erkenne ich? Bauhaus, belser-Verlag 2019 • Landtag Sachsen-Anhalt, Drucksache 8/4681 • welt.de/sonderthemen/bauhaus/article186561740/Bauhaus-und-Sozialer-Wohnungsbau.html“ • boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-prototyp-fur-den-sozialen-wohnungsbau-60335.htm • Damian Kaufmann: „Das Bauhaus als Zielscheibe rechter Kulturpolitik“ in: zeilenabstand.net 28.10.2024 • Bund Deutscher Architekten, LV Sachen-Anhalt e.V., Stellungnahme zum Antrag der AfD-Fraktion vom 15.10.2024 • https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Schultze-Naumburg • Sendung „artour“ des MDR vom 7.11.2024 • „Der Kampf um die Köpfe“, 2019, Stadtkulturmagazin Hamburg https://www.stadtkulturmagazin.de/category/nr-49-wo-sind-unsere-grenzen-der-toleranz/“ Nr. 49 • www.architekturfotoblog.de • Klaus Englert: Bauhaus-Tradition für soziales Wohnen. Es fehlt mutige Stadtpolitik, Deutschlandfunk Kultur 2015

Abb. (PDF): Oskar Schlemmer: Die Bauhaustreppe, eine „Verdichtung der Idee des Bauhauses“ gemalt 1932, als Utopie zur Fortdauer gegenüber dem aufkommenden Faschismus. Der Zusammenklang von (lichtdurchfluteter) Architektur, Mensch (als denkendes empfindendes Wesen) und Farbe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaustreppe“, Oskar Schlemmer, Public domain, via Wikimedia Commons