Der 8. Mai und andere Tage – Gedenken, Versöhnung und Mahnung in Europa
Michael Juretzek, Bremen. Mittlerweile wächst eine dritte Generation in Europa auf, ohne bisher unmittelbare Kriegserfahrungen erleiden zu müssen. Die Erarbeitung, wie es zu diesem für Europa historisch außergewöhnlichen, wenn nicht einmaligem Zustand kommen konnte, ist der Mühe wert. Die EU – ein Friedensprojekt. Auf den Wert und die aktuellen Herausforderungen dieses Projektes sollen die Beispiele von Gedenkfeiern zum Kriegsende 1945 hinweisen.
DÄNEMARK. Am Abend des 4. Mai 1945 gibt der dänische Sprecher im verbotenen Sender BBC bekannt, dass eine deutsche Verhandlungsdelegation gegenüber Feldmarschall Montgomery die Teilkapitulation der deutschen Wehrmacht für Dänemark und die Niederlande unterzeichnet hat.
Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Menschen versammeln sich auf den Straßen und verbrennen in großen Lagerfeuern die verhassten Verdunklungsvorhänge. Das Inkrafttreten der Kapitulation am 5. Mai wird seitdem als Danmarks Befrielsen (Dänemarks Befreiung) mit Plakatausstellungen, öffentlichen Gedenkveranstaltungen und örtlichen Feierlichkeiten begangen. Eine der größten ist mit 10 000 Besuchern das „Haderslev Lysfest“, ein Lichterfest mit der Botschaft von Frieden, Freiheit und Versöhnung. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen würdigte an den Gräbern der dänischen Freiheitskämpfer deren Beitrag an der Befreiung. „Dänemark konnte nach dem Krieg in der freien Welt Platz nehmen … Der Holocaust ist eine Schande für die moderne europäische Geschichte. Er sagt uns, wie schlimm die Dinge gehen können, wenn undemokratische Kräfte den Rest von uns gewinnen dürfen … Für uns alle, die wir nach dem Krieg geboren sind, schien ein friedliches Dänemark fast etwas Natürliches zu sein … Der Krieg ist zurück in Europa. Wir können nicht mehr so denken, als wären wir in Friedenszeiten … Die Geschichte ist nicht im Voraus geschrieben … Liebe Freiheitskämpfer, Sie sind der Beweis dafür, dass wir alle eine Verantwortung haben. Und dass alle Menschen die Möglichkeit haben, den Lauf der Geschichte zu ändern.“1
NIEDERLANDE. Am 5. Mai verhandelt Oberbefehlshaber Blaskowitz mit dem kanadischen General Foulkes unter Beisein von Prinz Bernhard die Kapitulationsbedingungen. Die entwaffneten deutschen Truppen verlassen das Land in die ostfriesischen Internierungslager.
1990 wird der 5. Mai zum gesetzlichen Feiertag „Bevrijdingsdag“ erklärt. 2012 sprach zum ersten Mal ein Deutscher auf der zentralen Veranstaltung in Wagingen, dem Ort der Unterzeichnung der Kapitulation. Der damalige Bundespräsident Gauck erinnerte an die deutsche Schuld für mehr als 100 000 ermordete niederländische Juden, die 500 000 Zwangsarbeiter, das Flächenborbardement Rotterdams und die niederländischen Widerstandskämpfer. „Das Nationalkomitee hat mein Land und mir mit dieser Einladung großes Vertrauen entgegengebracht – ein Geschenk, das wir nicht vergessen werden.“2
Mit dem Bevrijdingsfestival findet an 14 Orten auf 40 Bühnen die größte Musikveranstaltung der Niederlande mit Hunderttausenden Besuchern statt. Begleitet werden die Konzerte von Amnesty International, dem Niederländischen Flüchtlingswerk und WarChild, einer Hilfsorganisation für Kinder in Kriegsgebieten. Einzelne Künstler übernehmen als „Botschafter der Freiheit“ die Aufgabe, mit dem Hubschrauber an jedem Ort Fragen der Unfreiheit, Menschenrechte und die Kriege auf der Welt anzusprechen.3
ITALIEN. Am 25. April wird der Anniversario della Liberazione (Jahrestag der Befreiung) als gesetzlicher Feiertag begangen.
An diesem Tag 1945 wurden viele oberitalienische Städte wie Genua, Mailand und Turin durch Partisanen der Resistenza vom Republikanischen Nationalheer Mussolini und den deutschen Besatzungstruppen befreit.
Nachdem britische und amerikanische Truppen am 10. Juli 1943 in Sizilien gelandet waren und rasch vorwärtsstießen, wurde Mussolini am 25. Juli entmachtet. Die Regierungsgeschäfte übernahm Marschall Badoglio. Er unterzeichnete am 3. September 1943 für das Königreich Italien den Waffenstillstand von Cassibile mit den Alliierten. Unmittelbar danach begann die Besetzung Mittel- und Norditaliens durch deutsche Truppen und unter ihrem Schutz wurde die faschistische Italienische Sozialrepublik ausgerufen. Das Lied Bella Ciao besingt die „Blume der Partisanen, die für die Freiheit starb“. Zum diesjährigen 25. April schrieb la Republica unter der Überschrift „Ein neuer Widerstand gegen neuen Faschismus“: „Das Mussolini-Regime endete mit der Befreiung, aber die Rechte hat die Niederlage nicht aufgearbeitet und strebt immer noch Legitimität in einer Vergangenheit an, die nicht zurückkehren wird. Zumindest nicht in dieser Form.“4 Das Magazin lamagistratura erinnerte an die Rede von Präsident Matarella aus dem Jahr 2015: „Heute feiert unsere Republik ein Gefühl der Freiheit, das zum Eckpfeiler unserer Geschichte und unserer Identität geworden ist. Nach den Jahren der Diktatur gelang es Italien, sich selbst zu erlösen und sich den Kräften anzuschließen, die in Europa gegen den Nazismus kämpften, die Vorwegnahme des Weges, der dann zum Beginn des europäischen Projekts führen würde und zu dem wir immer noch aufgerufen sind, es zu entwickeln.“5
ÖSTERREICH. Am 8. Mai wird in Wien das „Fest der Freude“ gefeiert. Organisator ist seit 13 Jahren das Mauthausen Komitee Österreich.
Ihr Vorsitzender, Willi Mernyi, zu dem diesjährigen Motto: „80 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ist es unsere Verantwortung, nicht nur zurückzublicken, sondern aktiv für die Gegenwart und Zukunft einzustehen, ,Nie wieder‘ darf kein leerer Satz sein. In einer Zeit, in der Krieg wieder nach Europa zurückgekehrt ist und Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus und Hetze erneut an Boden gewinnen, muss unsere Botschaft lauter denn je sein: Für ein Niemals wieder – und für den Frieden in Europa.“6
Am 11. Mai findet jedes Jahr die Internationale Befreiungsfeier des KZ Mauthausen statt. Vor 20 000 Menschen sagte Bischof Chalupka, dass „die Erfahrungen, die an Orten wie diesem gemacht wurden, dazu führten, dass nach dem Ende der Nazi-Herrschaft die Menschenrechte international kodifiziert wurden“ und mit der Gründung der Vereinten Nationen die Menschenrechte im Völkerrecht verankert worden seien.7
Quellen: 1. www.dansketaler.dk/tale/mette-frederiksens-tale-ved-80-aret-for-danmarks-befrielse, 2. WIKIPEDIA „Bevrijdingsdag“, 3. https://de.wikipedia.org/wiki/Bevrijdingsfestival, 4. www.repubblica.it/cultura/2025/04/25/news/resistenza_25_aprile_fascismo_oggi_destra-424146957/, 5. https://lamagistratura.it/attualita/il-discorso-del-presidente-mattarella-per-il-70esimo-anniversario-della-liberazione/, images.cgil.it/view/acePublic/alias/contentid/1ilesjoal55qz2b5d8v/1/25-aprile-2025-manifesto-forum-associazioni-antifasciste-resistenza-jpg. 6. https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20250502_OTS0004/fest-der-freude-2025-80-jahre-befreiung-am-wiener-heldenplatz, 7. www.msn.com/de-at/nachrichten/ausland/mauthausen-befreiungsfeier-mit-mahnungen-und-warnungen/ar-AA1EyK2Q, www.mkoe.at/
Abb. (PDF): Plakat „Haderslev Lysfest
Abb. (PDF): Firs Canadian Army rückt in Utrech ein
Abb. (PDF): Plakat „Viva la Liberationen
Abb. (PDF): Logo Mauthausen Komite Österreich