Guam: Indigene Bevölkerung contra US-Truppen
Edda Lechner, Norderstedt
Im nordwestlichen Pazifik, nahe den Nördlichen Marianen gelegen, gehört die kleine Insel Guam mit ihren rund 500 qkm Fläche und gerade mal 180000 Einwohnern zu den sogenannten „Außengebieten“ der USA, zu denen im Pazifik außerdem zehn weitere meist unbewohnte „sonstige Inseln“ wie z.B. Samoa, das Johnston- und Wake-Atoll, die Midway-Inseln gehören. Unter diesem Schutzstatus konnten die gerade mal entstandenen Vereinigten Staaten Ende des 19. Jahrhunderts ähnlich den europäischen Mächten eigene koloniale Interessen durchsetzen – vor allem aus militärischen Gründen. So sind denn bis heute einige tausend amerikanische Marinesoldaten im Pazifik stationiert. Sie spielten nach dem Zweiten Weltkrieg in den heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem mit den deutschen und italienischen Nazis verbündeten Japanern im Kampf gegen Russland und China um den ostasiatischen Raum eine große Rolle.
Auf Guam und den Marianen lebten seit Jahrhunderten bis heute hin die indigene Bevölkerung der Chamoru. Bereits seit Beginn der amerikanischen Verwaltung geriet deren Sprache systematisch unter Druck. Die US-Marine führte von Anfang an eine Reihe von Maßnahmen ein, um die Sprache der dort lebenden Menschen aus dem Alltag und insbesondere dem Bildungssektor zu verdrängen. Bis in die 1970er-Jahre hat eine Kombination aus heftigen Bestrafungen bei Verwendung der Chamoru-Sprache und gleichzeitigem Druck, sich an die amerikanische Kultur anzupassen, dazu geführt, dass heute kaum mehr als 5% der jungen Menschen auf Guam ihre eigene Sprache fließend sprechen können.
Inzwischen setzen sich aber immer mehr Chamoru dafür ein, ihre althergebrachte Sprache wiederzubeleben und damit ihre 3500 Jahre alte Kultur zu erhalten. Sie haben dazu eigene Kindergärten und Schulen eingerichtet und es gibt vor allem für junge Leute wie auch für Erwachsene ein wachsendes Angebot an Online-Materialien und Sprachkursen. Und damit hat sich das brutal eingeführte imperiale Verhältnis zwischen der indigenen Bevölkerung und den fremden Besatzern verschärft. Jetzt kommt hinzu, dass das US-amerikanische Verteidigungsministerium plant, in den kommenden Jahren weitere 4 000 Marinesoldaten auf Guam anzusiedeln, bzw. besser formuliert: umzusiedeln. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges war es den US gestattet, auf der nahe gelegenen japanischen Insel Okinawa bis zu 30 000 Militärs und zusätzliches Personal zu stationieren. Trotz der Rückgabe dieser Insel an Japan im Jahr 1972 blieb dort die Präsenz der Amerikaner so gut wie unverändert. Der Grund: die strategische Relevanz wegen der geopolitischen Entwicklungen in der Taiwan-Straße, sowie dem Aufstieg Volksrepublik China und Bedrohung durch Nordkorea. Die USA nutzen Okinawa als „stationären Flugzeugträger“ im westlichen Pazifik, aber auch hier seit Jahrzehnten in starkem Widerspruch zu den Interessen der dort wohnenden Bevölkerung, die gegen die Militärpräsenz von mehr als 10 000 SoldatInnen anhaltend Kritik geübt hat.
Jetzt sollen 4 000 amerikanische Marine-SoldatInnen von Okinawa nach Guam verlegt werden, um in der geopolitischen Weltlage den USA-Einfluss gegenüber China sichern zu können. Im Fall einer Konfrontation mit der Volksrepublik ist die Insel Guam im Nordosten mit Sicherheit dann das erste Angriffsziel. Bereits jetzt sind die konkreten Auswirkungen der Truppenaufstockung auf Guam zu spüren. Der Zustrom von Militärpersonal führt dazu, dass für die Einwohner der Wohnraum knapp wird, die Marktpreise werden in die Höhe getrieben und die vielen Militärübungen verursachen Umweltschäden. Die einheimische Bevölkerung hat zudem keinerlei Einfluss auf das zuständige amerikanische Verteidigungsministerium, auch wenn es immerhin eine für die zuständige Gouverneurin mit Namen Lou Lon Guerrero gibt. Eine Kommission soll sich nun per Referendum um mehr Autonomie kümmern. Drei Optionen stehen dafür zur Auswahl:
1. Guam wird ein eigener Bundesstaat mit Wahlrecht
2. Es bekommt eine eigene Assoziationsfreiheit wie die „Föderierten Staaten von Mikronesien“ oder Palau
3. Guam erhält seine vollständige Unabhängigkeit von den USA.
Letzteres ist angesichts der Erfahrungen mit dem imperialen USA der letzten Jahrzehnte und ihrer jetzigen Regierung wohl kaum zu erwarten. Auch wenn die Widerstände und Aktionen der indigenen Bevölkerung zunehmen.
Abb. (PDF): Im Übersee-Museum in Bremen gibt es seit Ende März 2025 eine Ausstellung über die Kultur der Inseln im Pazifik.
CC BY-SA 4.0 © Übersee-Museum Bremen, Foto Volker Beinhorn, Übersee-Museum Bremen, Bahnhofsplatz 13,28195 Bremen. www.uebersee-museum.de/das-magazin-zur-ausstellung/