Politische Berichte Nr.04/2025 (PDF)14
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Kirche kritisch gegen Krieg und Kriegsgeschrei

Karl-Helmut Lechner, Norderstedt. Krieg und Kriegsgeschrei beherrschen in diesen Tagen und Wochen die Medien und den öffentlichen Diskurs. Wer „kriegstüchtig“ werden will, wer die stärkste konventionelle Armee Europas auf die Beine stellen will, der muss nicht allein Milliarden von Euros in Waffen und Gerät investieren, der muss vor allem Hegemonie und Hoheit über die öffentliche Meinung der Bürgerinnen und Bürger gewinnen. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Neuformatierung der Erinnerungskultur, konkret der Umgang mit der eigenen militärisch-militaristischen Vergangenheit.

Die Kirchen, mit ihren Traditionen und Ritualen, sind dabei ein erheblicher Bestandteil dieser Erinnerungskultur. Der erste Volkstrauertag wurde 1925 begangen. Als Tag „für die im Weltkriege Gefallenen“, so hieß es damals. Um die 100 000 Ehrenmäler sind seitdem in Städten und Dörfern in ganz Deutschland errichtet worden. Darauf wird der gefallenen Soldaten aus dem deutsch-französischen Krieg, in Schleswig-Holstein auch der Erhebung gegen den dänischen König 1848/50, sowie den Soldaten der beiden Weltkriege gedacht. Auf hunderten von sogenannten Kriegerdenkmälern mit einer Anmutung von Heldenverehrung wird durch Inschriften wie „Sie starben fürs Vaterland“ oder „Sie ließen ihr Leben für Deutschlands Einheit und Größe“ dem Tod der Soldaten Sinn gegeben: „Sie litten und stritten und starben für ein hohes Gut“, denn „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen!“ So das Zitat des Dichters Heinrich Lersch; es findet sich nach wie vor auf dem 1936 eingeweihten Kriegsklotz am Hamburger Dammtorbahnhof.

Die NS-Regierung erklärte 1934 den Volkstrauertag per Gesetz zum „Heldengedenktag“. Kirchliche Vertreter — damals ganz offen, ab den 1950er Jahren dann etwas kleinlauter — scheuten nicht den Vergleich zwischen dem Opfertod Jesu und dem Sterben der deutschen Soldaten: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für die Freunde.“ (JOH. 15,13) Dieser Text aus dem Johannesevangelium wird häufig verwendet, wobei „Freunde“ synonym zum „deutschen Volk“ gesetzt wird. „Auch unsere Kameraden, mit denen wir Seite an Seite gekämpft, haben einen gerechten Kampf gekämpft, indem sie für ihr Vaterland, für ihr Volk, für uns ihr Leben hergaben.“ Die Geistlichen verlasen dann die Namen der Gefallenen. „Nach der Niederlegung der Kränze krachte die Ehrensalve über den Hügel …“, so wird immer wieder dieses Ritual überliefert.

Und heute? In Werbekampagnen, auf Plakaten, in Social-Media-Beiträgen der Bundeswehr wird das Risiko des Todes eher ausgeblendet. Die Realität von Kampf, Verwundung oder Tod spielt in der Außendarstellung noch eine untergeordnete Rolle. Anders im Lebenskundlichen Unterricht und bei Vereidigungen. Bereits drängend fragt der Reservistenverband nach: „Wo sind die Helden? Welche Vorbilder braucht eine ‚kriegstüchtige‘ Bundeswehr, die das Land und das Bündnis verteidigen soll?“

Für die Kirche ist Erinnern zentraler Bestandteil ihrer Existenz, alle kirchlichen Rituale beruhen auf Gedenken. Das Buch der Bibel ist ja eine einzige Sammlung des Erinnerns. Tradition und Veränderung haben es dabei den Kirchen immer ermöglicht, sich in der jeweiligen politischen und veränderten gesellschaftlichen Situation selbst neu zu bestimmen: war man damals für den Kaiser, so ist man heute für die Republik.

Es gibt ein erfreuliches Projekt bei der Evangelischen Nordkirche, das hier initiativ geworden ist und gerade in heutiger Zeit Bewusstsein wecken will. Dazu heißt es in ihrem Selbstverständnis: „In zahlreichen kirchlichen … Gemeinden wird weiterhin am Volkstrauertag das Ritual der Gedenkfeiern mit den obligatorischen Kranzniederlegungen vollzogen. Das Unbehagen an diesem Ritual soll allerdings dadurch abgemildert werden, dass nicht mehr nur an die getöteten Soldaten, sondern an ‚alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft‘ erinnert wird. Die damit verbundene Gefahr einer Gleichsetzung von Opfern und Tätern wird selten reflektiert.“

Das Projekt DENK MAL! will die Bedeutung der Denkmäler und das mit ihnen verbundene Denken ins Bewusstsein bringen. Es will auch die Auseinandersetzung. Zentrale christliche und kirchliche Themen wie Trauer, Buße und Versöhnung werden dabei kritisch bedacht und der Dialog mit anderen Überzeugungen und Traditionen gesucht. „Die Aktion soll generell das Bewusstsein schaffen und verstärken, dass die Geschichte und ihre Interpretation den gegenwärtigen Umgang von Gesellschaft und Kirche zu aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen (Nationalismus, Rassismus, Kriegseinsätzen …) prägen und beeinflussen.“

Unter dem Motto: Erinnern – Erkennen – Gestalten greift die Evangelische Akademie Hamburg einen Appell der Synode der Nordkirche auf, sich kritisch mit den vielen hundert Ehrenmalen im Lande auseinanderzusetzen. Gerade die öffentlichen Ehrenmäler zum Ersten Weltkrieg zeigen den damals prägenden Einfluss nationalistischer und auch nationalsozialistischer Ideologie. Viele Ehrenmale zum Zweiten Weltkrieg stehen unter dem Einfluss der Formensprache jener Zeit. „Die Auseinandersetzung mit den Denkmälern gehört zu unserer Erinnerungskultur. Dabei wird sichtbar, dass wir auch als Kirche lernen, die eigenen Verstrickungen in die Geschichte von Krieg und Gewalt kritisch zu beleuchten.“

Dr. Stephan Linck ist Studienleiter für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit in der Evangelischen Akademie der Nordkirche. Er schreibt:

„Erinnerungskultur kann nicht die Demokratie retten, aber Erinnerungskultur kann zum Nachdenken anregen über Menschenrechte ebenso wie über die Folgen des eigenen Handelns … Die Förderung der Erinnerungskultur wird oft als Schlüssel zur Rettung der Demokratie angesehen. Doch vielleicht greift diese Perspektive zu kurz. Der Kampf sollte nicht primär für die Demokratie an sich geführt werden, sondern für die grundlegenden Werte von Menschlichkeit, Solidarität und Würde, die sie erst lebenswert machen. In einer Zeit, in der Parteien wie die AfD zunehmend Einfluss gewinnen und demokratische Prozesse für ausgrenzende, oft menschenfeindliche Rhetorik missbraucht werden, zeigt sich eine gefährliche Lücke: Demokratie ist kein Selbstzweck. Ohne eine breite gesellschaftliche Basis, die auf Mitgefühl, Respekt und Diversität aufbaut, kann sie leicht zu einem Werkzeug von Ungerechtigkeit werden … Deshalb muss Erinnerungskultur mehr leisten, als historische Fakten wachzuhalten. Sie muss eine ethische Grundlage schaffen, die Empathie stärkt und den Wert jedes Menschen in den Mittelpunkt stellt. Nur so können wir verhindern, dass demokratische Strukturen in menschenverachtende Hände geraten.“

Siehe auch: www.linkekritik.de/fileadmin/pb2018/pb18-10-i.pdf, S. 18-19, „Der Hamburg Kriegsklotz“ oder (Nur-Text): www.linkekritik.de/fileadmin/pb1810/pb1810-18-HH-Kriegsklotz-Interview-Hentschel-Lechner.html

Abb. (PDF): Foto: Hamburg Bramfeld: Eine Schautafel kommentiert das Kriegerdenkmal. Weiterführende Info ist hier zu finden:

https://www.denk-mal-gegen-krieg.de/ Foto: Marlise Appel, Evangelische Akademie der Nordkirche