Für AfD-nahen Verein Zentrum kein Zugang zu VW-Tochter in Isenbüttel
Michael Ohse, Goslar Das Arbeitsgericht Braunschweig hat am 21. August entschieden, dass der AfD-nahe Verein Zentrum keinen Zugang zum Werk der VW-Tochter Volkswagen Group Services in Isenbüttel (Landkreis Gifhorn) erhält, um sich gewerkschaftlich zu engagieren. So weit, so gut.
Die selbsternannte „Alternative Gewerkschaft“ wollte in dem Werk eigene Vertrauensleute wählen lassen und vorab am Standort werben. Volkswagen lehnte das ab mit der Begründung, Zentrum sei keine tariffähige Gewerkschaft. Außerdem sei unklar, so VW, ob der Verein am Standort überhaupt Mitglieder habe. Nach Angaben von Zentrum gehören dem Verein am Standort in Isenbüttel sechs der knapp 150 Beschäftigten an.
Ob Zentrum in Berufung geht, ist bisher nicht bekannt. Die Urteilsbegründung, Zentrum hätte nachweisen müssen, dass es am Standort mindestens eine Person gibt, die Mitglied des Vereins ist, wäre eventuell ein Einfallstor, wenn nicht gerichtlich klargestellt wird, dass die Tariffähigkeit fehlt.
Die 2009 im Mercedes-Benz-Werk in Stuttgart-Untertürkheim als „Zentrum Automobil“ gegründete Organisation war bislang vor allem in Betriebsräten in Süd- und Ostdeutschland vertreten. Gründer Oliver Hilburger gehörte ursprünglich der Christlichen Gewerkschaft Metall an. Wegen Verstrickungen in die Neonazi-Szene wurde er ausgeschlossen.
2010 gelang in Untertürkheim mit einer eigenen Liste erstmals der Einzug in den Betriebsrat, später auch bei Daimler in Rastatt und Sindelfingen. Ein sächsischer Ableger zog 2028 bei BMW und Porsche in Leipzig in den Betriebsrat ein. Bei Volkswagen sitzen dagegen bisher keine Vertreter von Zentrum-Listen in den Betriebsräten.
Zentrum will nach eigenen Angaben nun auch im Norden Fuß fassen, denn 2026 finden Betriebsratswahlen statt. Im April hatte der Verein ein Regionalbüro in Hannover eröffnet, das den Aufbau in Norddeutschland vorantreiben soll. Geleitet wird es von Jens Keller, AfD-Ratsmitglied in Hannover und Personalratsmitglied beim kommunalen Entsorgungsunternehmen aha der Landeshauptstadt. Keller war bisher Mitglied bei Verdi, Mitte April aber ausgetreten und zu Zentrum gewechselt. Sein Ziel sei es, die Mitgliederzahl der „Altgewerkschaften“ in den kommenden Jahren zu halbieren, sagte Keller im April anlässlich der Eröffnung des neuen Regionalbüros „Zentrum Nord“.
Der Soziologe Klaus Dörre sagte dazu in einem Interview mit der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) vom 27. Juni 2025: „…Das bedeutet einen Strategiewechsel. Bislang wird Keller als AfD-Mann von innen heraus versucht haben, die Gewerkschaft zu unterwandern. Als Mann des Zentrums kann er die Gewerkschaften des DGB von außen attackieren, kann alternative Positionen formulieren und so versuchen, sie zu destabilisieren (…) Zentrum gibt meines Wissens an, man habe bundesweit Einfluss in 100 Betriebsräten. Das halte ich für überzogen (…) Aber: Bei der letzten Bundestagswahl hat die AfD bei den Arbeitern besser abgeschnitten als jede andere Partei. 38% der Arbeiter wählten die AfD. Dieses Potenzial wollen rechte Organisationen wie das Zentrum abschöpfen (…) Sie werden bei den Betriebsratswahlen 2026 versuchen, mit mehr rechten Listen anzutreten, um symbolisch Sitze in wichtigen Unternehmen zu erobern. Da könnte der AfD-Mann aus Hannover eine Vorreiterfunktion übernehmen. Er war erfolgreich bei den Personalratswahlen in seinem Betrieb bei dem kommunalen Entsorger aha. Er könnte für die Rechten eine Galionsfigur werden, wenn er mit dem Zentrum Wahlerfolge hätte und den DGB-Gewerkschaften eine Niederlage bereiten könnte. Der ganze Vorgang hat eine herausragende Bedeutung…“
Und es wäre sowohl der erste Betrieb in Norddeutschland als auch der erste größere Betrieb, für den Verdi zuständig ist.