Kalenderblatt: Spanien, 29. Dezember 1978 – Verfassung garantiert Religionsfreiheit
Mit Art 16 gewährte spanische Verfassung die „Freiheit der Ideologie und der Religionsausübung der Einzelnen und der Gemeinschaften“ und schaffte den Katholizismus als Staatsreligion ab
Claus Seitz, San Sebastián
Mit den Verfassungsbestimmungen und dem Gesetz zur Religionsfreiheit (5.7.1980) orientierte das demokratische Spanien sich nicht am laizistischen französischen Modell der strikten religiösen Neutralität, sondern am deutschen Modell der „kooperativen Neutralität“. Das heißt, es gibt zwar keine Staatskirche, aber Zusammenarbeit mit Religionsgemeinschaften. Kirchensteuer, wird vom Staat eingezogen, Religionsunterricht an öffentlichen Schulen wird staatlich organisiert.
Art. 16, Abs. 3 der Verfassung lautet:
„Die öffentlichen Gewalten berücksichtigen die religiösen Überzeugungen der spanischen Gesellschaft und unterhalten die entsprechenden Kooperationsbeziehungen mit der katholischen Kirche und den übrigen Konfessionen.“
Die katholische Kirche wurde also explizit hervorgehoben.
In Spanien können Religionsgemeinschaften einen Antrag auf Aufnahme in das öffentliche Register religiöser Organisationen stellen. Die Registrierung verleiht Rechtspersönlichkeit und erlaubt die offizielle Kultausübung und die Eröffnung von Kultstätten. Daneben gibt es den höheren Status „der „größeren gesellschaftlichen Verwurzelung“ oder noch weitergehende Kooperationsabkommen, die aber bisher nur mit der Katholischen Kirche, den Evangelischen Kirchen (FEREDE), den jüdischen Gemeinden (FCJE) und den muslimischen Gemeinschaften (CIE) geschlossen wurden.
Die Abkommen mit dem Vatikan vom 3.1.1979 sicherten die besondere Stellung der katholischen Kirche ab, vor allem die Vereinbarungen zu Religionsunterricht, Finanzierung und Steuerprivilegien.
Der katholische Religionsunterricht ist an öffentlichen Schule institutionell verankert, freiwillig für Schüler, aber Teil des regulären Stundenplans. Er wird staatlich finanziert, obwohl Inhalte und Lehrkräfte kirchlich bestimmt werden. Der katholische Religionsunterricht ist flächendeckend, für andere Religionen dagegen nur punktuell.
Finanzierung: In Spanien können die Steuerzahler in ihrer Steuererklärung ankreuzen, ob 0,7 % ihrer Einkommenssteuer an die katholische Kirche gehen oder für soziale Zwecke bestimmt werden. 2025 erreichte die katholische Kirche dadurch 429 Millionen Euro.
Steuerprivilegien: Die katholische Kirche ist unter anderem von der Grundsteuer für viele Immobilien, teilweise von Körperschafts- und Erbschaftssteuern befreit und erhält ergänzende staatliche Leistungen.
Die mit den Evangelischen Kirchen, den jüdischen Gemeinden und den muslimischen Gemeinschaften 1992 abgeschlossenen Vereinbarungen sehen keine Steuerzuweisungen vor. Ihre Finanzierung erfolgt durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Stiftungen. Der Staat gibt ihnen nur punktuell Zuschüsse für Kultur, Bildung und soziale Projekte, aber keine dauerhafte institutionelle Finanzierung.
Man spricht deshalb von einer asymmetrischen Kooperation mit den Religionsgemeinschaften zugunsten der katholischen Kirche.
Mit Statuten der Blutreinheit und der Inquisition gegen „Neuchristen“
1492 – nach der Eroberung Granadas (1491), des letzten muslimischen Herrschaftsgebiets – befahlen die katholischen Könige die Vertreibung der Juden, es sei denn, sie ließen sich innerhalb von vier Monaten taufen.
1502 wurden in Kastilien und 1525 in Aragon die Muslime mit königlichem Edikt vor die Alternative gestellt: Konversion oder Exil. Juden wie Muslime konvertierten massenhaft zum Christentum.
Mit den Vertreibungsedikten wollten die katholischen Könige alle nichtkatholischen Elemente ausmerzen und das Königreich auf ein einziges religiöses Fundament stellen. Spanien sollte ein geeintes Land mit einer Religion sein. Die mittelalterliche Toleranz war definitiv vorüber.
Die mittelalterliche Gesellschaft war auf „reinen“ Kasten, voneinander separierten ethnisch-religiösen Gemeinschaften, gegründet. Mit den Konvertiten wurde die christliche Kaste um Personen erweitert, die ethnisch nicht Christen waren und sich auch nicht wie solche verhielten. Nur die Taufe unterschied sie von Muslimen und Juden.
Es kam zur Spaltung innerhalb der christlichen Kaste zwischen den Altchristen und den Neuchristen jüdischer oder muslimischer Abstammung. Nur die Altchristen galten als „castizos“, als reine Christen durch Herkunft und Abstammung, die Neuchristen als unreine mit jüdischem oder muslimischem Blut.
Aufgrund ihrer Berufe (Händler, Geldverleiher, Ärzte, usw.) lebten die jüdischen Konvertiten vor allem in den Städten. Die Konversion eröffnete ihnen Aufstiegsoptionen innerhalb der christlichen Ständegesellschaft in vielen Arbeitsbereichen, z.B. im Staatsdienst, im Klerus oder in Zirkeln der Finanzeliten, was nachhaltige Konkurrenzängste in der kastilischen Gesellschaft auslöste. Der pauschale Vorwurf wurde erhoben, die Neuchristen würden heimlich das Judentum weiter praktizieren.
Bereits 1449 war mittels des Sentencia-Statuts jüdischen Neubekehrten die Ämterausübung im Stadtrat von Toledo untersagt worden. Die Neuchristen seien „Abkömmlinge des perversen Geblüts der Juden“ und für das „Judaisieren“ und die Unterdrückung und Zerstörung des Altchristentums verantwortlich.
Das Statut von Toledo schuf die Basis für die Einführung von Statuten der Blutreinheit in Universitäten, Militärorden, Domkapiteln, religiösen Orden, Stadträten, Zünften und anderen Institutionen. Von Bewerbern für diese Institutionen wurde der Nachweis reiner Abstammung gefordert.
Theologisch-pseudowissenschaftlich wurde gerechtfertigt: Die verderbte Moral der Juden, die sich im Akt des Gottesmords manifestiert hatte, würde über das Blut, die Muttermilch oder die Nabelschnur von Eltern auf Kinder, von Generation zu Generation übertragen. Eine Reinigung durch die christliche Taufe sei nicht möglich.
1478 ließ Papst Sixtus IV. auf Druck der Könige die Inquisition zum Zweck der Verfolgung der „Scheinchristen“ und der Überwachung der „Reinheit des Blutes“ der altchristlichen Gesellschaft einrichten, obwohl die Statuten der Blutreinheit der katholischen Doktrin widersprachen. Opfer der inquisitorischen Verfolgung waren in erster Linie die konvertierten Juden, in geringerem Maße die konvertierten Muslime (Moriscos), die als Bauern, Landarbeiter oder Handwerker auf dem Land lebten.
Ab 1530 führte die Inquisition genealogische Untersuchungen ein. Auf Grund von Mischehen, Namensänderungen und geographischer Mobilität wurde die Rekonstruktion der Herkunft einer Person immer schwieriger. Bewerber für ein bestimmtes Amt mussten deshalb einen Stammbaum bis zur vierten Generation präsentieren. „Stammbaumschnüffler“ (informadores) reisten in die Geburtsorte der Bewerber, der Eltern oder der Großeltern, um Zeugen hinsichtlich einer möglichen jüdischen oder islamischen Herkunft des Anwärters zu vernehmen. In der Praxis erreichte der Nachweis der Reinheit eine zeitlich unbegrenzte Dimension. Ein einziger entfernter „unreiner“ Vorfahre genügte, um das ganze Geschlecht zu beflecken. Jede Bewerbung um ein neues Amt löste eine erneute Überprüfung der Reinheit aus. Das Verfahren ließ allen Arten von Rivalitäten, Hass oder Neid freien Lauf.
Die Moriscos versuchte man anfangs noch im Christentum zu unterrichten. Man tolerierte ihre kulturellen Eigenheiten wie Kleidung, Reinigungsrituale und Körperpflege in den Bädern.
1565 forderte die Synode von Granada (1565) die Moriscos zur völligen Assimilation an die christliche Mehrheitsgesellschaft auf und viele muslimische Bauern wurden enteignet, ihre Ländereien an christliche Großgrundbesitzer verteilt. Der Aufstand dagegen in den Bergregionen Granadas endete in der totalen Niederlage. Ende 1570 wurden alle granadinischen Moriscos auf Kastilien verteilt.
Zwischen 1609 und 1614 wurden die ca. 300 000 Moriscos (getauften Christen) aus Spanien vertrieben. In der Levante waren danach ganze Landstriche verödet, das Bewässerungswesen brach zusammen, Landwirtschaft und Gewerbe kamen mancherorts fast völlig zum Erliegen. Eine ökonomische Katastrophe, die für den Niedergang Spaniens seit dem 17. Jahrhundert mit verantwortlich war.
Die Inquisition und die Statuten der limpieza de sangre verstärkten die Identifikation des Volkes mit dem Ideal der Reinheit des Blutes, das Volk wurde zu einem Komplizen der ethnischen Säuberung. Die Sorge um die „ethnische Reinheit“ entwickelte sich zu einer nationalen Obsession. Alles Fremde wurde als Gefahr für die nationale Reinheit empfunden. Allmählich überzeugte sich Spanien davon, dass es das letzte Bollwerk des unbefleckten Katholizismus in Europa und der Welt war.
Im 18. Jahrhundert wurden Freimaurerei und französische Aufklärung die neuen Infektionsquellen, gegen die sich die spanische Gesellschaft zu schützen versuchte. Voltaire galt als das absolute Übel und Inbegriff aller Irrlehren.
1833 schuf Königin Isabel II. die pruebas de sangre bezüglich der allgemeinen Ämterausübung ab, am 15.7.1834 wurde die Inquisition aufgelöst.
Nach Meinung des Historikers Julio Caro Baroja dominierten die Statuten der „Reinheit des Blutes“ das soziale Leben der Spanier vom 15. bis zum 19. Jahrhundert.
1931 führte die Verfassung der Zweiten Republik erstmals die Trennung von Kirche und Staat, die Gleichheit der Konfessionen und die Garantie der Gewissensfreiheit ein.
1936 legitimierte die katholische Kirche den Militärputsch gegen die Zweite Republik als „Kreuzzug gegen Atheismus, Kommunismus und Liberalismus“. Während der Franco-Diktatur verschmolzen katholische Lehre, autoritärer Staat und spanischer Nationalismus zum Nationalkatholizismus, einer Symbiose von Staat und Kirche. Die Kirche fungierte als zentraler Pfeiler der Diktatur und moralische Legitimation des Regimes, sie erhielt weitreichende Privilegien, staatliche Finanzierung und Kontrolle über das Bildungswesen. Sie prägte das Ehe- und Familienrecht, die Sexualmoral und die die Zensur.
Quellen: Max-Sebastián Hering Torres: Rassismus in der Vormoderne. Die „Reinheit des Blutes“ im Spanien der Frühen Neuzeit, Campus, 2006 Christiane Stallaert: Etnogénesis y etnicidad. 1998, Proyecto A Ediciones Georg Bossong: Das maurische Spanien, Geschichte und Kultur, C.H. Beck, 2017
Abb. (PDF): Historische Abbildung: Von Frans Hogenberg – Bibliothèque nationale de France, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15813746 – Contemporary_illustration_of_the_Auto-da-fe_held_at_Validolid_Spain_21-05-1559..jpg Duden Stichwort Autodafé (wiki): „1. öffentliche Verkündigung des Urteils eines Inquisitionsgerichts und feierliche Durchführung dieses Urteils (meist Verbrennung von Ketzern)“
„Der Ketzer“ von Miguel Delibes – Literarische Verdichtung der Vernichtung des spanischen Protestantismus
Der Roman „Der Ketzer“ (spanischer Literatur-Nationalpreis 1999) von Miguel Delibes spielt im 16. Jahrhundert in Valladolid (damals königliche Residenzstadt mit 28 000 Einwohnern) und den umliegenden Dörfern im Herzen der kastilischen Hochebene, der nördlichen Meseta.
Delibes erzählt die Geschichte von Cipriano Salcedo, eines gebildeten kastilischen Wollkaufmanns (Export von Merinowelle in die Niederlande).
Entsprechend erfährt man viel über die Welt der Kaufleute, über Handel, Zünfte, soziale Hierarchien und wirtschaftliche Abhängigkeiten, auch über das harte Leben in den kleinen Dörfern, in einer auf Getreidewirtschaft und Schafzucht beruhenden Ökonomie.
Delibes zeichnet aber auch ein eindringliches Bild einer Gesellschaft, in der religiöser Konformismus, Angst, Macht und Denunziation zentral sind. Alltägliche Religiosität und Präsenz der Kirche nimmt breiten Raum ein.
Salcedo, nähert sich in einem langsamen, inneren Prozess dem protestantischen Denken an und wird schließlich aktiv in einem lutherischen Zirkel, in dessen Auftrag er z.B. nach Deutschland reist, um Melanchthon zu treffen und protestantische Schriften nach Spanien zu schmuggeln. Der Zirkel gerät in den Fokus der Inquisition, es folgen Verhaftungen, peinliche Verhöre, Verkündung und Vollstreckung der inquisitorischen Glaubensurteile.
Historischer Hintergrund: 1559/60 inszenierte die Inquisition Autos-da-fé mit insgesamt rund 40 Hingerichteten gegen die wichtigsten protestantischen Zirkel in Valladolid und Sevilla. Es waren staatlich-kirchliche Machtdemonstrationen der öffentlichen Vernichtung des Protestantismus.
Rezension des Deutschlandfunks: https://www.deutschlandfunk.de/der-ketzer-100.html
Abb. (PDF): Titelbild des Buches