Politische Berichte Nr.01/2026 (PDF)24
Ankündigungen, Diskussion, Dokumentation

„Ein klares Nein zum Angriff der USA wie zur Diktatur Maduros schließen sich nicht aus“

Interview mit Ricardo Bolaños González von Gaston Kirsche.

Ricardo Bolaños González ist 27 Jahre alt und arbeitet als klinischer Psychologe in Hamburg. Er war am 4. Januar Redner auf der Hamburger Demonstration „Hände weg von Venezuela“ gegen den Angriff der USA am Tag zuvor. Seit Jahren ist er politisch vor allem in der Partei Die Linke aktiv, seit 2024 als gewählter Abgeordneter der Linksfraktion in der Bezirksversammlung Hamburg-Altona. Ricardo Bolaños González macht Kommunalpolitik, vor allem zu den Themen Geflüchteten- und Gesundheitspolitik, Antifaschismus und Antirassismus, sowie Umwelt- und Naturschutz. Eine kürzere Fassung des Interviews erschien im „nd – Neues Deutschland“

Sie haben Familie in Venezuela?

Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Venezuela, meine Mutter ist dort geboren und aufgewachsen, als junge Erwachsene wanderte sie nach Deutschland aus. Von meiner Familie leben mittlerweile nur noch entferntere Verwandte im Land, die meisten haben das Land verlassen, teils bereits vor Jahren.

Aber sie haben schnell von dem Angriff der US-Armee auf Venezuela am 3. Januar erfahren?

Vom Angriff der USA habe ich zuerst in den sozialen Medien auf X und Instagram gelesen. Dort waren die Geschehnisse ja wirklich live zu verfolgen, über die ersten Helikopter, Bombeneinschläge bis hin zu Maduros Entführung.

Was wissen sie über die Opfer?

Es gab sehr unterschiedliche Opfer. Das Hauptziel des Angriffs – also Maduro und seine Ehefrau – dürften den meisten ja bekannt sein.

Von Maduro wird gerne erzählt, dass er als Busfahrer in Caracas begann, und sich in der Gewerkschaft und in der Revolutionsbewegung von Hugo Chávez schnell einen Namen machte. Seine Frau Cilia Flores, die ebenfalls von den USA entführt wurde, war die Rechtsanwältin von Chávez, als dieser nach einem gescheiterten Putschversuch 1992 gegen die damalige sozialdemokratische Regierung Venezuelas inhaftiert worden war.

Laut Angaben der kubanischen Regierung wurden 32 Kubaner*innen ermordet bei diesem Einsatz, die als innerste Sicherheitskräfte Maduros arbeiteten, sowie 23 venezolanische Soldaten und zwei Zivilist*innen.

Sie haben am Tag darauf auf der Hamburger Demo „Hände weg von Venezuela“ eine Rede gehalten –was war ihnen wichtig zu sagen?

Im Rahmen meiner politischen Arbeit innerhalb der Partei Die Linke wurde ich als Redner angefragt. Es fehlte auf der Demo bis zu diesem Punkt ein Redebeitrag aus der venezolanischen Community und es ist in der Partei auch bekannt, woher ich und meine Familie stammen. So wurde ich dann angefragt und ich habe mich natürlich über die Gelegenheit gefreut, venezolanische Perspektiven auf dieser Demo einzubringen. Das war mein Hauptanliegen.

In den freien venezolanischen Medien, aber auch auf Social Media ist die Haltung der Venezolaner*innen, die noch in Venezuela leben erstaunlich klar, aber auch differenziert:

Einerseits herrscht Sorge vor weiterer militärischer Eskalation durch die USA, denn sie haben jetzt gezeigt, zu allem bereit zu sein. Folgen weitere Angriffe, oder macht die Regierung unter der Interimspräsidentin Delcy Rodríguez weitere Zugeständnisse? Mittlerweile hat sich ja gezeigt, dass sie in zentralen Punkten bereits auf US-Forderungen eingegangen ist.

Außerdem bestand jederzeit das Risiko für die Zivilbevölkerung in der dicht besiedelten Hauptstadt aufgrund der Nähe von ziviler und militärischer Infrastruktur ebenfalls von US-Angriffen getroffen zu werden. Dieses Risiko sind die USA eingegangen, eigentlich unfassbar.

Andererseits wurde das Ende Maduros dort sehr positiv aufgenommen. Spätestens nach der letzten Wahl in 2024 hat er jede Mehrheit und damit auch Legitimität verloren, die UN, die Organisation Amerikanischer Staaten und verschiedene NGOS haben das bereits belegt. Am eindrücklichsten finde ich dabei, dass nie die unmittelbaren Wahlergebnisse auf der untersten Ebene, aus den Wahllokalen, veröffentlicht wurden.

Maduro als Präsident einer unterdrückerischen Regierung, die für so viel Leid verantwortlich ist, fallen zu sehen, war sowohl in Venezuela als auch in der Diaspora für viele ein Grund der Freude.

Gleichzeitig lese ich immer wieder den Hinweis: Bis zu diesem Angriff zeigte die Welt, aber auch die westliche Linke wenig Interesse oder Solidarität mit dem Leiden der Venezolaner*innen. Die Aufmerksamkeit ist jetzt natürlich eine ganz andere. Umso wichtiger finde ich klarzustellen:

Die Menschen Venezuelas haben beides verdient – ein klares Nein zu dem völkerrechtswidrigen Angriff der USA, und ein Ende der Diktatur Maduros. Das schließt sich überhaupt nicht aus und bedeutet auch nicht, dass jetzt etwa die rechte Opposition rund um die Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado, Edmundo González oder Juan Guiadó unterstützt werden soll. Im Gegenteil. Auch die linke Opposition wurde unter Maduro unterdrückt und hat jetzt vielleicht einen Grund zur Hoffnung.

Haben sie damit gerechnet, das Teilnehmende der Demo den Abbruch ihrer Rede fordern, weil sie neben der US-Aggression auch Maduros undemokratische Regierung kritisiert haben?

Tatsächlich habe ich auf der Demo schnell gemerkt, dass dort auch Pro-Maduro-Fraktionen unterwegs waren. Prominent und ganz vorne dabei war etwa eine Gruppe mit einem „Hands-off-Venezuela“-Banner mit dem Umriss Venezuelas in den Farben der Flagge. Neben dem Umriss Venezuelas war auf dem Banner aber auch die Region Essequibo zu sehen, die international anerkannter Teil des Nachbarstaats Guyana ist und nach einem Referendum in 2023 von der Regierung annektiert wurde. Das hatte schon eine ganz eigene Ironie, auf einer Demo gegen den Völkerrechtsbruch mit so einem Banner aufzutreten. „¡Viva-Maduro!“-Sprechchöre taten ihr übriges.

Die meisten Redebeiträge schafften den Spagat zwischen klarer Verurteilung der USA einerseits, und Kritik an Maduro andererseits. An der einen oder anderen Stelle hat es mir trotzdem gefehlt, Maduro nicht schönzureden, seine Regierung nicht zu legitimieren, und Kritik unter den Tisch fallen zu lassen. Nach und nach wurde mir klar, dass ein Teil der Demo wohl Probleme mit meiner deutlichen Kritik an Maduros Regime haben wird, und ich stellte mich auf eine ungemütliche Rede ein. Dass es mir dann aber verunmöglicht wurde meine Rede zu halten durch Zwischenrufe, Beleidigungen und letztendlich auch das Abdrehen des Mikrofons – damit habe ich nicht gerechnet. Nach dem Abbruch meiner Rede wurde ich von vielen Personen bedrängt und ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben nicht sicher auf einer linken Demonstration.

Ihre Rede wurde unterbrochen, als sie gerade über die Unterdrückung der linken Opposition gesprochen haben?

Richtig, ich war wie gesagt der letzte Redner vor dem US-Konsulat. Vorne um den Lauti hatte sich die benannte Gruppierung positioniert und laut meine Rede gestört, womit ich noch kein Problem hatte. Als ich dann auf die Unterdrückung der linken Opposition zu sprechen kam, wurden die Zwischenrufe lauter. Danach sprach ich den Wahlbetrug von 2024 an, dann wurde mir das Mikrofon vom Techniker abgedreht.

Das klingt eher nach einer Pro-Maduro-Venezuela-Solidarität – gibt es auch Gruppierungen, die sowohl das US-Vorgehen als auch die Maduro-Regierung kritisieren?

In Hamburg gibt es meines Wissens nach keine organisierte venezolanische Community. Das heißt auch, dass Venezuela-Solidarität größtenteils von Nicht-Betroffenen kommt. Eigentlich bin ich überzeugt davon, dass auch in der Partei Die Linke, die Venezuela-Solidarität es schafft die Nuancen und Gleichzeitigkeit in der Kritik des US-Einsatzes und der Regierung hinzubekommen. Dafür setze ich mich weiter ein.

Wie glaubwürdig sind Linke, die nur die USA kritisieren, aber nicht die Ausbeutung Venezuelas durch die Oligarchie, der neuen Bourgeoisie um Maduro?

Wer auf Seite des Völkerrechts steht, darf keine Unterscheidung machen zwischen Rechtsbrüchen des einen oder anderen Staates. So wie es notwendig ist, den völkerrechtswidrigen Angriff der USA zu verurteilen, ist es genauso notwendig, den Völkerrechtsbruch der venezolanischen Regierung zu benennen. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker gilt nicht nur gegenüber äußeren Mächten, sondern auch gegenüber autoritären Regierungen im eigenen Land. Die Venezolaner*innen haben das Recht, frei über ihre Regierung zu entscheiden, ohne ausländische Interventionen, aber auch ohne Repression, Wahlmanipulation und politische Verfolgung. Wer das Selbstbestimmungsrecht ernst nimmt, muss beides ablehnen.

Und wie geht es jetzt weiter mit dem Protest?

Ich werde weiterhin versuchen für Venezuela einzustehen, Aufmerksamkeit auf das Thema von Hamburg aus zu lenken und auch innerhalb meiner Partei laut zu sein zu diesem Thema.

Abb. (PDF): Ricardo Bolaños González: E-Mail auf seiner Abgeordnetenseite: ricardo.bolanos@aol.com: Foto: Kai Zeitnitz/Die Linke Hamburg