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Fundstück: Der „Italienerstreik“ bei VW 1962
Matthias Paykowski, Karlsruhe. Am 4. und 5. November 1962 legten 1800 italienische Arbeiter bei VW in Wolfsburg die Arbeit nieder. Anlass des „wilden Streiks“ war die Gesundheitsversorgung im so bezeichneten „Italienerdorf“. Dort wurden die Arbeiter kaserniert. Lino Carigi, 1962 Arbeiter bei VW, hat mit seinem Fotoapparat Eindrücke vom Streik, aber auch vom migrantischem Leben und Arbeiten bei VW und im „Italienerdorf“ festgehalten. Zu den Gründen des Streiks kommentierte er handschriftlich neben einem der Fotos: „November 1962. (Zum Sterben kalt) Der Tod unseres Freundes wegen Krankheit und fehlender Ambulanz. 10000 Italiener! 1 Doktor! …“ Der Streik war kurz, VW sagte die Einstellung eines weiteren Betriebsarztes zu.
In den 60er Jahren kam es immer wieder zu Streiks und Aktionen migrantischer Arbeiter und Arbeiterinnen – im Bergbau, in der Industrie, in der Landwirtschaft.
Die Beweggründe waren vielfältig: Löhne wurden nicht gezahlt wie vereinbart, das Arbeitstempo wurde immer weiter hochgeschraubt, die Arbeitsbedingungen waren Zumutungen. Oft auch die Wohnsituation: Kasernierung, in kleinen Zimmern zu mehreren zusammengepfercht, in der Nähe der Arbeitsstätten, ohne Kontakt zu städtischem Leben, keine Aussicht auf Familiengründung – VW stellte nur männliche Arbeiter aus Italien ein. Die Antwort von Unternehmen und Behörden auf die Streiks waren fast immer Polizeigewalt, Repression. Auf Verhaftung folgte Entlassung und Abschiebung!
„Im Nachgang des Streiks wurden 70 Italiener entlassen, die von der Werksleitung als ‚Rädelsführer‘ der Unruhen ausgemacht worden waren; 354 Migranten verließen den Betrieb und meist auch die Bundesrepublik freiwillig, weitere 243 wurden wegen Vertragsbrüchigkeit oder gesundheitlichen Gründen entlassen. In der Folge stellte die Volkswagenwerk AG für neu ankommende italienische Arbeiter nur noch Halbjahresverträge aus, verschärfte das Auswahlverfahren, ermöglichte aber Migranten, die sich aus Sicht des Unternehmens bewährt hatten, nach den ersten sechs Monaten auch eine unbefristete Beschäftigung.“1
VW hatte erst ein Jahr vor dem Streik mit dem Anwerben von italienischen Arbeitern begonnen. Der Zustrom von Arbeitskräften aus der DDR war gestoppt und mit italienischen Arbeitsmigranten hatte man Erfahrungen, sie waren schon in der Naziwirtschaft 1938 beim Bau des Wolfsburger Werkes eingesetzt worden.
Der Streik war aber auch der Türöffner für die Gewerkschaft in den VW-Konzern. Die bis dahin erfolgreiche Politik der Konzernspitze, die IG Metall aus dem Betrieb herauszuhalten, fand mit dem Streik ein Ende, und 1965 wurde der erste italienische Kollege in den VW-Betriebsrat gewählt!
(1) DAS ARCHIV, Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte #025 – hier findet sich eine lesenswerte Rückschau von Simon Goeke, der 60 Jahre nach dem Streik eine Würdigung vornimmt und Auswirkungen beschreibt. Er fördert eine Vielzahl interessanter und auch neuer Aspekte zu Tage. Dort sind auch Fotos von Lino Carigi dokumentiert. https://www.wolfsburg.de/-/media/wolfsburg/statistik_daten_fakten/izs/das-archiv/dasarchiv25final.pdf
Abb. (PDF): Eine Ausstellung im Wolfsburger Rathaus 2022 war der Migration aus Italien in den 1960er-Jahren gewidme. Dazu ist ein Katalog erschienen, in dem „reich bebildert zwölf unterschiedliche Lebenswege erzählt“ werden. Bernd Hüttner hat dazu auf den Online-Seiten der RLS rezensiert: https://www.rosalux.de/news/id/50646