Politische Berichte Nr.01/2025 (PDF)21a
Gewerkschaften/Soziale Bewegung

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VW: Kahlschlag verhindert – Zukunft jedoch ungewiss

Bruno Rocker, Berlin

Mit der Notwendigkeit der Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des in die Krise geratenen Konzerns begründete der VW-Vorstand seine drastischen Sanierungspläne gegenüber der Belegschaft. Mehr als 35 000 Stellen, so der im Dezember 2024 vereinbarte Plan, werden abgebaut, allerdings gestreckt bis Ende des Jahres 2030. Der Abbau geschieht sozialverträglich über Abfindungen und Altersteilzeit. Kapazität wird drastisch reduziert, jedoch kein Werk unmittelbar geschlossen. Ferner werden die zuletzt im Flächentarif der IG Metall vereinbarten 5 Prozent mehr Geld bei 25 Monaten Laufzeit nun zwar auch für VW übernommen, allerdings gelangt dieser Zuwachs sechs Jahre lang nicht auf die Konten der Beschäftigten, sondern fließt in einem Fonds zur Beschäftigungssicherung und dient beispielsweise der Finanzierung von erweiterten Altersregelungen und dem (Teil-) Entgeltausgleich bei Arbeitszeitreduzierungen.

Trotz der Zugeständnisse konnten Betriebsrat und IG Metall ein vom VW-Vorstand gegenüber der Belegschaft vorgestelltes Horrorszenario letztlich abwenden:

Keine Massenentlassungen – Keine Werkschließungen – Monatsentgelte bleiben! So lautete nach der Einigung am 20. Dezember 2024 die Botschaft an die Beschäftigten. Die Mobilisierung der Belegschaft über Warnstreiks sorgte in der Tat am Ende für ein zunächst nicht erwartbares gutes Verhandlungsergebnis.

Der VW-Vorstand konnte seine Forderungen u. a. nach

• Schließung von bis zu drei Standorten,

• betriebsbedingten Kündigungen bis hin zu Massenentlassungen,

• 10 Prozent Minus beim Monatsentgelt,

• Entfall der tariflichen Zulage,

• ersatzlosen Abschaffung der Ergebnisbeteiligung,

• ersatzlosen Streichung des Jubiläumsgeldes,

• drastischen Reduzierung der Ausbildungsplätze

nicht durchsetzen!

Im Ergebnis konnten Betriebsrat und IG Metall durchsetzen:

• den Erhalt aller Standorte, verbunden mit Perspektiven,

• den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen,

• die Verhinderung von Einbußen beim Monatsentgelt,

• den Erhalt der tariflichen Zulage,

• Kompromisse bei Angleichungen und Teilreduzierungen beim Jubiläumsgeld, tariflichem Urlaubsgeld sowie der Ergebnisbeteiligung,

• geringere Reduzierung der Ausbildungsplätze und Erhöhung der Ausbildungsvergütung.

Ob VW wieder auf die Beine kommt, bleibt dennoch ungewiss. Der VW-Konzern will mit vielen neuen Fahrzeugen die Verkäufe ankurbeln. Quer über seine Marken werde der Konzern in 2025 etwa 30 neue Modelle auf den Markt bringen, kündigte Vorstandschef Oliver Blume an. Dass Impulse nötig sind, zeigen die letzten Zahlen. Insgesamt ging der Absatz an E-Autos um 3,4 Prozent zurück, allein in China brachen die Verkäufe um fast zehn Prozent ein, in den Vereinigten Staaten sogar um mehr als 30 Prozent.

Es handelt sich nicht einfach um eine konjunkturelle Delle bei VW, in der Automobilindustrie oder der Industrie insgesamt. Es geht um drastische strukturelle Verschiebungen auf den globalen Märkten, insbesondere auf den Exportmärkten in China und den USA. Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner unterstreicht in einem Interview mit dem „Berliner Tagesspiegel“ vom 21. Januar dieses Jahres die Positionen der IG Metall zur aktuellen Situation:

„Ohne massive öffentliche Investitionen ist die Deindustrialisierung nicht zu stoppen – und ein Kurswechsel beim Klimaschutz wäre gefährlich. (…)

Wenn wir versuchen, den Wandel zu verlangsamen oder sogar anzuhalten, gefährdet das den Industriestandort und Arbeitsplätze. Ohne Investitionen in die Infrastruktur und ohne einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis geht es richtig bergab. (…) Wir müssen Künstliche Intelligenz stärker in die Industriekerne bekommen und dadurch die Produktivität steigern, um nur ein Beispiel zu nennen.

Sehr gute Handlungsempfehlungen zeigt der Draghi-Report auf: Bereiche identifizieren, in denen Europa stark ist oder stark werden kann, und diese Bereiche dann pushen. Das erwarten wir auch von der neuen Bundesregierung. (…)

Wir lassen die Politik nicht vom Haken und rufen zu unserem bundesweiten Aktionstag (15. März) auf unter dem Motto Dein Arbeitsplatz, unsere Industrie, unsere Zukunft.“

Quellen: Mitbestimmen Dezember 2024, Zeitung des Volkswagen Betriebsrates, Interview mit Christiane Benner, Tagesspiegel vom 21.1.2025