Politische Berichte Nr.01/2026 (PDF)05
Aktuell aus Politik und Wirtschaft

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Die Verteidigung der Ukraine und die aktuelle „National Defense Strategy“ (NDS) der USA

Martin Fochler, München. Das Pentagon ist gesetzlich verpflichtet, in regelmäßigen Abständen eine aktuelle Fassung der „National Defense Strategy“ (NDS) vorzulegen. Das Dokument entsteht im Auftrag des Präsidenten, unter federführender Verantwortung des Ministeriums und Mitwirkung des Generalstabs und der Führung der Teilstreitkräfte. Es übersetzt Weltbild und Politik des Präsidenten ins Militärische. Zum Angriff der RF auf die Ukraine wird kurz und knapp gesagt, dass das Bündnis in Folge der Abrüstung der europäischen Nato-Staaten „nicht in der Lage war, Russlands Invasion in der Ukraine abzuschrecken oder effektiv darauf zu reagieren“ (leaving the Alliance unable to deter or respond effectively to Russia’s invasion of Ukraine.) Unter Präsident Trumps Führung hätten sich die Nato-Verbündeten verpflichtet, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Die militärischen Positionen der Verbündeten seien nun stark genug, „um die Hauptverantwortung für Europas konventionelle Verteidigung zu übernehmen, dazu gehöre auch die Führung bei der Unterstützung der ukrainischen Verteidigung. Dies mit kritischer („critical“), aber begrenzter US-Unterstützung. Was meint „with critical but more limited support from the United States“? Es geht um „critical capabilities = entscheidende Fähigkeiten“ oder „critical support = wesentliche / unverzichtbare Unterstützung“.

Damit ist eine Asymmetrie im Bündnis angesprochen. Die USA (und nur die USA) verfügen über gewisse, „entscheidende“ Fähigkeiten, (Nuklearwaffen, Aufklärung über Satellitensystem, Raketenabwehr usw.), andererseits verlieren diese strategischen Mittel ihre Wirkung, wenn die Verbündeten ihre eigene, konventionelle Rüstung nicht entwickeln. Für die Verteidigung der Ukraine ergibt sich aus dieser Logik:

Wegen der (entscheidenden) strategischen Überlegenheit der USA muss die RF einen Konflikt mit den USA vermeiden. Mithin ist die Unterstützung der Ukraine durch europäische Nato-Partner strategisch abgesichert, und zwar wenn und solange die Europäischen Verbündeten konventionell rüsten und für Waffenkäufe der Ukraine (am besten in den USA) aufkommen. Die US-Strategie geht davon aus, dass die RF in dieser Konstellation den Angriff auf die Ukraine nicht bis aufs letzte durchziehen kann. So wird darauf verwiesen, dass sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der „Nato-Partner (ohne USA)“ sich zu dem der RF wie 26:2 verhält, ein gewichtiges Datum, wenn man davon ausgeht, dass dieser Krieg mit konventionellen Mitteln und letztlich durch das wirtschaftliche Leistungsvermögen entschieden wird. Die USA rechnen weiterhin mit einem Einlenken der RF, deren Sicherheit und Bestand schon wegen ihres nuklearen Potentials gegeben sei.

Inzwischen ist die ganze Ukraine zum Kriegsschauplatz geworden. Die RF nutzt einen neuralgischen Punkt. Die Ballungszentren der Industriegesellschaft haben sich zwar als starke Bastionen der Vereidigung gegen konventionelle Angriffe erwiesen. Die technische Basis dieser Siedlungsform ist eine ausgebaute technische und auch soziale Infrastruktur, die schon durch Anschläge empfindlich getroffen werden kann und viel mehr noch durch unausgesetzte, nach Zeitpunkt und Umfang schwer absehbare Angriffe durch Drohnenschwärme. So musste der Bürgermeister Kiews im Januar die Bürger aufrufen, wenn irgend möglich die Stadt zu verlassen. Eine bedenkenlose Kriegführung kann mit der Möglichkeit rechnen, ganze Ballungsgebiete unbewohnbar zu machen. Der Himmel über der Ukraine ist zur Kampflinie geworden. Dementsprechend dringlich sind die Bitten der Ukraine um Unterstützung bei der Verteidigung ihrer Städte.

An der Kampflinie im Osten dringen die Kräfte der RF unter großen Verlust langsam vor, es soll aber auch Rückzüge gegeben haben, sicher ist, dass die Oblaste, die laut Duma-Beschluss als Teil der RF zu betrachten sind, nicht vollständig erobert werden konnten. Das Regime Putin reagiert darauf mit der Forderung, die Ukraine solle diese Gebiete räumen.

Warum lässt sich die ukrainische Seite auf diese Forderung nicht ein? Es gibt militärische Argumente. Wie es heißt, würde ein solcher Rückzug darauf hinauslaufen, ausgebaute und durch Geländeverhältnisse begünstigte Verteidigungsstellungen aufzugeben, und somit einer neuen Invasion die Tür zu öffnen.

Obwohl die Bevölkerung im Ganzen und die wehrpflichtige Generation im Besondern der Grenze der Belastbarkeit nahegekommen ist, hört man kaum Stimmen, die zur Kapitulation raten. Warum? Es darf nicht übersehen werden, dass die Menschen in der freien Ukraine mit Millionen von Fäden mit Land und Leuten der besetzten Gebiete verbunden sind. Viele sind von dort geflohen, viele haben verwandtschaftliche Beziehungen dahin. Die Leute hören, wie es sich unter einer Besatzung durch die RF lebt und sie hören es aus Quellen, denen sie vertrauen.

Mag die Besetzung von Gebieten unter imperialen Gesichtspunkten ein Gewinn sein, wenn die Kosten fürs Erobern und Besetzen die möglichen Gewinne übersteigen, entsteht ein Verlustgeschäft, das am Ende auch strategisch mehr Kraft kostet als Machtgewinn bringt. Das sind langsam wirkende Faktoren, die das zögerlich tastende Verhalten der RF in Sachen Verhandlungen erklärt, und ihre Gewicht nimmt zu, wenn die Verteidigung der Grenze und des Luftraums stabilisiert werden kann.

Quelle: https://media.defense.gov/2026/Jan/23/2003864773/-1/-1/0/2026-NATIONAL-DEFENSE-STRATEGY.PDF

Abb. (PDF): Karte Arktis. – Aus Sicht der USA aus ist das Polarmeer das einzige Gebiet, in dem die RF heute noch als dominierende Seemacht auftreten kann. Sie verfügt z.B. anders als die USA über eine Flotte schwerer, atomgetriebener Eisbrecher. Die RF kann den Seeweg in den pazifischen Raum kontrollieren und sie wäre auch zu Kommandoaktionen z.B. auf Einrichtungen in Grönland in der Lage. Wahrscheinlich hat sich Trump in Sachen Grönland im Rahmen der Nato und von seinen Militärs belehren lassen müssen, dass die Sicherung von Positionen im arktischen Raum aktuell nur gestützt auf die Nordeuropäer und Kanadier möglich ist. Den USA fehlen die geeigneten Schiffe, die Truppen, das Training. Die Militärs sehen nicht nur, aber namentlich auch in Sachen Grönland die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Verbündeten.