Politische Berichte Nr.03/2025 (PDF)02a
Blick auf die Medien

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Fehl am Platz: der neue Kulturstaatsminister

Christiane Schneider, Hamburg. Warum der Verleger Wolfram Weimer nun Kulturstaatsminister ist, weiß nur sein Nachbar, Golf-Kumpel und Freund Friedrich Merz, der ihn berief. Die Kulturszene reagierte ganz überwiegend entsetzt. Die konservative FAZ fällte ein harsches Urteil: „Weimer ein Interesse an irgendeiner Kunst oder Geist zu unterstellen, wäre spekulativ.“ (1) Der Verriss bezog sich auf das 2018 erschienene Buch „Das konservative Manifest“. In dem vor sachlichen Fehlern strotzenden Buch hat Weimer seine weltanschauliche Programmatik in „zehn Geboten“, darunter „Familie lieben“, „Tradition hegen“, „Nation ehren“, „Kulturkreis kennen“, „Gott achten“, dargelegt. Weimer sieht sich selbst als „Mann der bürgerlichen Mitte“, doch seine Nähe zum rechten Kulturkampf ist unübersehbar. So verwundert nicht, dass der AfD-Politiker Krah die Berufung Weimers begrüßte. Für den politisch deutlich rechts stehenden Herausgeber der „Welt“ Ulf Poschardt ist Weimers Berufung ein „echter Befreiungsschlag“: Der „weitgehend steuerfinanzierte Kulturbetrieb“ müsse „im Zweifel kaputt gemacht“ werden, Weimer solle „aufräumen“. (2)

Was treibt Weimer um? In seinem „Manifest“, in dem er sich häufig auf Oswald Spengler (Konservative Revolution) beruft, sorgt er sich um die Fortdauer des eigenen Blutes: „Während Generation um Generation in einer Jahrtausend währenden Selbstverständlichkeit die Fortdauer der eigenen Familie, des eigenen Blutes, der Sippe, des Stammes, der Nation, der Kultur, der Zivilisation als einen heiligen Moment des Lebens begriffen hat, so bricht dieses Bewusstsein plötzlich in Scherben.“ Daraus folge, führt Weimer in einer „Indizienkette“ aus, die biologische Selbstaufgabe Europas und sein Bedeutungsverlust: „Europa vermehrt sich nicht mehr räumlich“ und auch „nicht mehr kulturell“. So bedauert Weimer den Verlust der kolonialen Herrschaft und damit das verlorene „Selbst-Bewusstsein eines Europas, das die Welt denkt, definiert, kultiviert und verändert“. (3) Schon 2004, lange bevor die AfD die politische Bühne betrat, hat er in einem Artikel im „Cicero“ den „naiven“ Multikulturalismus für den Verlust europäischer „Werte“ und „wankender Identität“ und damit für den behaupteten Niedergang verantwortlich gemacht.

Die Rettung für Europa sieht der Kulturkämpfer im Wiedererstarken der Religion, genauer der christlichen bzw. der christlich-jüdischen(!), auf keinen Fall aber der islamischen Religion. In seinem jüngsten Buch „Sehnsucht nach Gott“ (2021) sieht er das säkulare, postmoderne Europa unaufhaltsam auf dem Weg in ein neo-religiöses Zeitalter. Sei nicht „der Mensch, der Gott konkret gefunden hat, ein glaubwürdigerer Zeuge als der, der abstrakt behauptet, es gebe ihn nicht? Denn Ersterer bezeugt etwas Manifestes, Letzterer behauptet etwas über jemanden, dessen Existenz er abstreitet. Das Sehen der Zeugen wiegt doch eigentlich schwerer als das Nicht-Sehen der Gegen-Zeugen.“ Das „Comeback des religiösen Bewusstseins (bedeutet) automatisch eine Wiederkehr des Kulturbewusstseins“, heißt es in seinem „Manifest“. Und: „Die Option ist jedenfalls da, dass die Kultur wieder zurückfinden könnte aus der spielerischen und ornamentalen Funktion zum Definitionscharakter ganzer Gesellschaften.“

Das ist kaum verhüllt eine Absage an Vielfalt und kulturellen Perspektivenreichtum, und das in einer Zeit, in der die AfD das Ziel verfolgt, den Kulturbühnen und mit ihnen der Gesellschaft ihre Diversität auszutreiben und sie zu einem Bekenntnis zu „deutscher Nationalkultur“ zu zwingen.

(1) Kaube in: FAZ, 29.4. (2) Welt, 2.5., zitiert nach Wikipedia; (3) Alle Zitate aus „Das konservative Manifest“