Politische Berichte Nr.02/2025 (PDF)23
Kalenderblatt

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„… deutliche Begriffe von allgemein nützlichen Dingen und Uebung im richtigen Denken, dem Mädchen so nothwendig, als dem Knaben …“

Martin Fochler, München. Der Krünitz erscheint zwischen 1773 und 1858 nach dem Vorbild der berühmten französischen Enzyklopädie in 242 Bänden, die sich, in deutscher Sprache gedruckt, nicht exklusiv an die Gelehrten, sondern an die Öffentlichkeit, das lesende Publikum, richten. In diesen Jahrzehnten verfestigt sich auch in den deutschen Ländern der Trend zur Schulpflicht für Knaben wie für Mädchen. Damit war im Gewand einer Pflicht ein gleiches Recht auf den Erwerb elementaren Kommunikationstechniken gegeben. In der Diskussion der Zeit – siehe die Zitate unten – werden Lesen, Schreiben, Rechnen mit ihrem Nutzen für Haushaltsführung, Hausarbeit und Erziehung der Kleinen rollenkonform begründet, aber die Eigenlogik des Bildungsprozesses öffnet andre Wege. Es folgen Auszüge aus der online-Ausgabe des Krünitz, von der Uni Trier online zugänglich gemacht.

„Was die Töchterschulen betrifft, so sind wenigstens die meisten Erzieher und Erzieherinnen darüber einig, daß im Allgemeinen deutliche Begriffe von allgemein nützlichen Dingen und Uebung im richtigen Denken, dem Mädchen so nothwendig, als dem Knaben ist, daß daher ein zweckmäßiger Unterricht ein allgemeines, obgleich im Ganzen noch zu wenig beachtetes, Bedürfniß sei; daß endlich von der zweckmäßigsten Bildung der Töchter nach den verschiedenen Ständen, unendlich viel für die Güte der künftigen Generation abhängt.“

„In den Landschulen ist eine Absonderung beider Geschlechter nicht gut möglich, so wünschenswerth es übrigens wäre; denn sie würden mehr Lehrer, mehr Lehrzimmer und mehr Aufwand erfordern, als die bisherige Einrichtung. Es kommt in den Landschulen nur darauf an, dasjenige zu lehren, was beiden Geschlechtern gemein seyn soll; das heißt, auf die Erlernung der unentbehrlichsten Elementarkenntnisse, auf die Erweckung der Aufmerksamkeit und des Nachdenkens, auf die Ausbildung des gesunden Menschenverstandes, auf die Anregung und Belebung sittlicher Gefühle durch religiösen und moralischen Unterricht, und auf gewisse Fertigkeiten, welche den Mädchen eben so nützlich, als den Knaben werden können.“

„Der Lehrer muß es sich hier zum Gesetz machen, bei der Behandlung der einzelnen Materien eine beständige Rücksicht auf das Geschlecht und seine wahrscheinliche künftige Bestimmung zu nehmen … Der Unterricht in weiblichen Arbeiten ist hier aber um so wesentlicher, je mehr auch dadurch die ärmern Klassen an Brauchbarkeit für das Leben, und selbst an Mitteln, sich ihren Unterhalt reichlich zu verschaffen, gewinnen. Was den moralischen Unterricht anbetrifft … diese weiblichen Dienstboten sind oft sehr früh zum Kinderwarten bestimmt; daher ist es auch nützlich, sie zu lehren, wie man sich bei Kindern etc. zu verhalten habe (…)

„Im Rechnen giebt es ebenfalls Vieles, was dem weiblichen Geschlechte interessanter, wissenswürdiger, als dem männlichen ist; z. B. die Preise gewisser Lebensmittel und Haushaltungssachen, gewisse Rechnungsarten und Rechnungsvortheile, wovon in der Wirthschaft Gebrauch gemacht werden kann, und besonders Kopfrechnen so viel, als für den Markt, überhaupt für den Einkauf nöthig ist.“

„In Töchterschulen für die wohlhabendere Bürgerklasse, für den Mittelstand, kann man schon weiter mit dem Unterrichte gehen, indessen darf die Gränze doch nicht zu weit hinausgesteckt werden, und dieses nur für die höheren Stände, überhaupt für den gebildeten Stand übrig bleiben. Niemeyer sagt: die leichte Bildsamkeit und das schnelle Fassungs=Vermögen der Mädchen, könnte manchen Lehrer leicht dazu verführen; man darf aber nicht vergessen, daß zunächst das männliche Geschlecht in diesen Ständen noch nicht genug gebildet wird.“

Bildung ist, wie Bourdieu schreibt, Arbeit an sich selbst. Die Schulfachleute jener Zeit registrieren etwas irritiert die „leichte Bildsamkeit und das schnelle Fassungsvermögen der Mädchen“. Von heute aus sehen wir die Bereitschaft der jungen Mädchen zu dieser Anstrengung, ihre Erfolge erschüttern den Mythos von der naturgegebenen Überlegenheit des Mannes. Frauen werden belesen, werden Autorinnen, scharf rechnende Wirtschafterinnen. Der Ausschluss von Bildungseinrichtungen und Berufen wird vom Schicksal zum Skandal.

Abb. (PDF): Titelseite „Krünitz“

Abb. (PDF): „Signierfähigkeit“ von Frauen verdoppelt sich binnen einer Generation. Der Begriff meint die Fähigkeit einer Person, rechtskräftige Unterschriften zu leisten, d.h. verständig zu lesen und verantwortlich zu unterschreiben. Die zwischen 1760 und 1790 geborenen Bräute sind zu 37,8 Prozent „signierfähig“, ihre Mütter erst zu 18 Prozent.

Abb.: Alphabetisierung und Literalisierung in Deutschland in der Frühen Neuzeit, Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung, Herausgegeben von der Lessing-Akademie, Band 26, Tübingen 1999)

https://api.pageplace.de/preview/DT0400.9783110927924_A19815732/preview-9783110927924_A19815732.pdf